Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Umstrittene Dokumente
122 „Auftragsgemäß lege ich hier“, schrieb Bittner am 15. April112) „je ein Lichtbild und die redigierte für den Druck vorbereitete und mit Fußnoten versehene Übersetzung folgender Telegramme aus Petersburg vor: 1.) vom 11 (24). Juli, Nr. 56113); 2.) vom 12 (25). Juli 1914, Nr. 56 Fortsetzung, das in Belgrad um 11 U. vorm, einlief, die Möglichkeit der russischen Mobilisierung ankündigte und daher schon auf die am 25. Juli nachmittag gefaßte Entschließung der serbischen Regierung, die österr.-ung. Begehrnote abzulehnen, einwirken mußte; 3.) vom 12 (25). Juli 1914, Nr. 57, irrig auf den 11 (24). datiert114 *), das aber spätestens am 12 (25). um 11 U. 30 in Belgrad einlief, den Beschluß des russischen Ministerrates zur Mobilisierung mitteilte und daher im verstärkten Maße auf die am 25. nachmittag gefaßte Entschließung der serbischen Regierung, die Begehrnote abzulehnen, einwirken mußte.“ Im Archiv des Bonner Auswärtigen Amtes findet sich ein mit dem Namen Frauen di enstlls) unterzei chnetes Gutachten. Über das Telegramm n. 25 heißt es darin: „wenn es tatsächlich am 25. Juli um 11.30 in Belgrad eintraf, so konnte seine Entzifferung um die Mittagsstunde dem in Permanenz tagenden Ministerrat Vorgelegen haben und wohl geeignet gewesen sein, Kronprinz und Regierung zur Ablehnung wesentlicher Punkte des Ultimatums zu bestimmen“. Aber das Telegramm, das am 25. um 4 Uhr Nachmittag eintraf (n. 26), könne „rein zeitlich“ kaum eine wesentliche Rolle gespielt haben. Frauendienst erinnerte in diesem Zusammenhang an die „mysteriöse Rolle“ des serbischen Attachés Petrovic116) und seinen „noch mysteriöseren Selbstmord“. Der aus Montenegro stammende Petrovic machte sich Gedanken über den Einfluß der .Schwarzen Hand' auf die serbische Politik und widmete ihm einen Artikel117), der im Jahre seines Selbstmordes, 1934, erschien. Petrovic schildert darin, daß er am 25. Juli eine aus Petersburg stammende Depesche entziffern mußte. Pasié hatte sie nach London weitergeleitet, um sie verifizieren zu lassen, oder, wie Petrovic sich ausdrückt, um zu prüfen, ob der russische Botschafter in London .Nachrichten der gleichen Art1 empfangen habe. Das war jedoch nicht der Fall, und Petrovic zog daraus den Schluß, die .Schwarze 112) AA Bonn PA 26 a, E 067121. 113) 56 ist die Aktenzahl der serbischen Gesandtschaft in Petersburg, sie entspricht der laufenden Nummer 22 in SAP (ZI. 56 Fortsetzung ist n. 24, ZI. 57 ist n. 25). 114) Nachweis des Irrtums: SAP 30 n. 25, Anm. 1. lls) Wahrscheinlich Priv.-Doz. Dr. Werner Frauendienst, Universität Greifswald (Gutachten: AA Bonn PA 26a, E 067151). 116) Der Attaché an der serbischen Gesandtschaft in London Voj. M. Petrovic war ein in Serbien geborener Montenegriner und Autor mehrerer Bücher, auch einer Geschichte Serbiens, einer Grammatik, sowie verschiedener Erzählungen, er stand in der Gunst des Königs von Montenegro, dessen Schauspiele er übersetzte. 117) Der Artikel erschien zuerst unter dem Titel The story of the Black Hand and the Great War als Anhang in einem Buch von Henry Pozzi La Guerre revient (Paris 1934). Im selben Jahr verübte Petrovic Selbstmord, 1935 brachten die BMH eine dt. Übersetzung seines Artikels (13. Jg. n. 7 597-630). Im Heft 8 beschäftigt sich Howard M. Ehrmann, Prof, an der Universität Michigan, USA mit der Persönlichkeit des serbischen Diplomaten: The Petrovic Memoir (763—771). Ein Faksimile der von Petro- vié am 25. Juli 1914 gemachten Telegrammabschrift befindet sich in dem Buch von Pozzi (264—265).