Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

114 Obersten Dimitrijevic, das Attentat von Sarajevo zusammen mit dem russischen Militär-Attaché Artamanow vorbereitet zu haben79). Es scheint mir sehr empfehlenswert, dieses Aktenstück sofort zu veröffentlichen.“ Ferner erklärte Bittner, er wolle die Veröffentlichung dieses Dokumentes Prof. Uebersberger überlassen, sofeme nicht Regenauer selbst eine Publizie- rung plane80). Wider Erwarten gab Regenauer das Apis-Geständnis jedoch an den Beauftragten Hitlers für die militärische Geschichtsschreibung, Oberst Walter Scherff, weiter81). In einem Schreiben des Auswärtigen Amtes vom 3. Februar 1943 an die Presseabteilung des Hauses wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die vom Archivdirektor Dr. Bittner vorgelegte Über­setzung im Reichsarchiv Wien angefertigt worden sei. Der Beauftragte des Führers erteilte die Bewilligung zur Veröffentlichung ohne weiteres82), von einer Einwirkung des Reichsaußenministers oder Hitlers auf den Text des Dimitrijevic-Geständnisses ist nirgends die Rede, geschweige denn von einem Auftrag zur Fälschung. Einwendungen gab es allerdings, sie richteten sich jedoch nicht gegen den Geständnistext, sondern gegen den von Uebersberger verfaßten Kommentar: Trützschler vom Auswärtigen Amt erklärte nämlich, die Verantwortung des zaristischen Militärattachös wäre zu wenig heraus­gestellt worden, dagegen sei die Geschichte der Geheimorganisation ,Schwarze Hand“ zu lang. Es bestünde dadurch die Gefahr, daß die Leser eine gewisse Sympathie für die patriotischen serbischen Offiziere empfänden, die ungerechtfertigten Verfolgungen durch eine korrupte Hof- und Partei­wirtschaft ausgesetzt waren. Einzelheiten über die ,Schwarze Hand“ sollten nur so weit gebracht werden, als sie zum Verständnis unbedingt notwendig seien83). Eine im Auswärtigen Amt aus propagandistischen Gründen erwo­gene Streichung des Geständnis-Textes wurde wieder verworfen84). Es geht hier nicht darum, ein Hitler-Ministerium reinzuwaschen, dem derar­79) Im Original keine Unterstreichungen bzw. Sperrungen. 80) AA Bonn PA 26a, E 067008. 81) Brief Braunias’ an AA 1943 Jänner 8 (ebenda E 067007). 82) OKW an AA 1943 Mai 15 (ebenda E 067157). 83) Stellungnahme 1943 März 9 (ebenda E 067065). 84) Hier handelt es sich um folgenden Satz (Auswärtige Politik 241 Zeile 3): „Nachdem Malobabic die Tätigkeit begonnen hatte, habe ich in der Voraussetzung, daß sich Österreich zum Kriege mit uns vorbereite, den Gedanken gefaßt, daß durch Verschwinden des Thronfolgers Ferdinand die Tendenz zum Kriege und die Kriegspar­tei ihre Stärke verlieren und daß so die Kriegsgefahr von Serbien abgewendet oder mindestens etwas verschoben werden würde“. Dazu gelangte folgende Überlegung an die Abt. XI im Ausw. Amt am 24. Juni 1943: „ . . . da Dimitrijevic hier als Motiv für die Inscenierung des Mordes von Sarajevo eine rein defensive Absicht angibt, eine Äu­ßerung, die von der feindlichen Propaganda in dem von ihr gewünschten Sinne ausge­wertet werden könnte. Eine Streichung dieses Satzes ist aber insofern mit gewissen Schwierigkeiten verknüpft, da es sich um die Textstelle eines historischen Dokumentes handelt und die Ersetzung dieses Satzes durch ,,...“ sofort eine bestimmte Vermutung darüber, daß die ausgelassene Stelle eine dem Herausgeber unangenehme Aussage ent­halte, wachrufen würde. Zudem könnte in diesem Falle eine Faksimile-Veröffentli­chung nicht stattfinden“ (AA Bonn PA 25, D 694907 und D 694909).

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