Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Der Revisionsprozeß

DER REVISIONSPROZESS Am Ende des ersten Weltkrieges verlangten Freunde des hingerichteten Obersten Dimitrijevic, serbische Offiziere, die nach Rußland gekommen wa­ren, stürmisch die Wiederaufnahme des Saloniki-Prozesses, der von ihnen als „Orgie des Wahnsinns und des Unrechts“ bezeichnet wurde. Die gleiche For­derung erhoben serbische Emigranten in Wien, die sogar den ehemaligen rus­sischen Militárattaché in Belgrad, Oberst Artamanow, den russischen Ge­sandten Nikola Hartwig, den serbischen Ministerpräsidenten Pasié und den Thronfolger Alexander beschuldigten, von den Vorbereitungen zum Mord von Sarajevo gewußt zu haben. Doch weder Pasié noch König Alexander gingen darauf ein, obwohl auch einheimische Persönlichkeiten gegen das Ju­stizverbrechen von Saloniki Stellung nahmen. Erst das neue Jugoslawien un­ter Marschall Tito erfüllte 36 Jahre nach dem Saloniki-Prozeß die Forderung nach einer Wiederaufnahme. Die Staatsanwaltschaft Belgrad begründete den diesbezüglichen Antrag mit dem „Vorliegen neuer Beweise“ und mit der Feststellung, 1917 wären die Militärrichter „befangen“ gewesen, ferner ver­lange die „Volksmoral und Menschlichkeit“ eine Wiederholung des Verfah­rens. Der Belgrader Revisionsprozeß 1953 endete mit einem Freispruch des 1917 in Saloniki hingerichteten Obersten Dragutin Dimitrijevié. Auch seine in Salo­niki verurteüten Mitarbeiter und Kameraden wurden „rehabilitiert und ihre Ehre wiederhergestellt“. Im Urteil hieß es, Apis-Dimitrijevié sei Unrecht ge­schehen, er habe weder die Absicht gehabt, die serbische Front den Österrei­chern und Deutschen zu übergeben, noch habe er einen Mordanschlag auf den Regenten Alexander inszeniert. Über den Belgrader Revisionsprozeß gibt es eine ausgezeichnete Zusammen­fassung mit den wichtigsten Verhörsprotokollen, leider nur in zyrillischer Schrift und in kleiner Auflage erschienen: Borivoje Neskovié Istina o Solunskom procesu [Die Wahrheit über den Salo­niki-Prozeß] (Belgrad 1953). Narodna knjiga, 364 S., 36 Faks. von Dokumen­ten und Fotos. Dieses Werk ist für die Erforschung der Ereignisse von Saloniki wie von Sa­rajevo von derartiger Wichtigkeit, daß hier das Verzeichnis der Kapitel wie­dergegeben werden soll: Die Wiederaufnahme des Saloniki-Prozesses - Personen, die im Saloniki-Prozeß verur­teilt wurden - Beziehungen zwischen den vormaligen Verschwörern und die Schreib­weise der Radikalen Partei über die ,Schwarze Hand' - Der Konflikt anläßlich der Verordnung über die Behörden-Priorität - Der Angriff Österreich-Ungams auf Ser­bien und der Rückzug über Albanien 1915 — Verhaftung von Offizieren an der Front

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