Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

85 siert zu haben, sonst hätte er die beiden Hauptpersonen Cabrinovic und Princip nicht miteinander verwechselt. Die Borba (Belgrad)50) zitiert verschiedene Zeugen aus Theresienstadt, den Arzt Dr. Jan Levit, den Pfleger Olzarik Matjek, den damals vierzehnjährigen Karel Sikora, der Princip im Gamisonsspital mit Essen versorgte, den Wach­soldaten Bruno Hohlfeld und den Tschechen Frantisek Lebl (Löbl), der Auf­zeichnungen-51) darüber machte, wo man Princip .heimlich“ beerdigt hatte. Nicht alle Berichte der Borba halten einer Kritik stand. Quellenangaben feh­len meistens. Interessant wären die Aufzeichnungen des Dr. Levit, der als Jude die Nazizeit nicht überlebte und ebenfalls in Theresienstadt den Tod fand. Nach der Borba ,setzte der Arzt seine ganze Autorität bei den Gefäng­nisbehörden ein, um dem kranken Princip das qualvolle Leben in den Kase­matten zu erleichtern“. Nach dem Blatt soll es Dr. Levit gewesen sein, der Princip ,die linke Hand operierte“. Die Behauptung des Blattes, die .österrei­chisch-ungarische Administration habe den Tod Princips (28. April 1918) ge­feiert und angeordnet, daß die kleine Stadt Theresienstadt mit Fahnen ge­schmückt werde“, klingt unglaubhaft. Vojislav Bogicevic, der alle Kleinigkei­ten registriert, erwähnt die Aufzeichnungen des Dr. Levit nicht, die Namen der anderen Zeugen aus Theresienstadt gibt er überhaupt nicht an, abgese­hen von zwei Berichten des Frantisek Lebl52). Eine makabre Episode ist wert, vermerkt zu werden. Nachdem Öabrinovic in Theresienstadt gestorben war, erhielt die dortige Strafanstalt ein Telegramm: „Ersuche Schädel verstorbenen Attentäters Cabrinovic auf h(ier) ä(mtliche) Kosten zu Musealzwecken präparieren und anhersenden zu wollen.“ Als Absender zeichnete das Kriminalbüro des Regierungskommissärs in Sa­rajevo. Die Direktion der Strafanstalt leistete diesem Ersuchen nicht Folge, sondern informierte das Kriegsministerium über den Inhalt des Telegramms. Dieses wandte sich an das zuständige Gemeinsame Finanzministerium, welches sich wiederum genötigt sah, über die „Antragstellung aus Sarajevo“ die Landes­regierung zu befragen, nicht ohne hinzuzufügen, „daß wohl ethische Beden­ken gegen die Berücksichtigung des Petites sprechen dürften, unter allen Umständen jedoch die Zustimmung der Angehörigen zu der angeregten Ver­fügung eingeholt werden müßte“53). Auf die Erkundigungen der Landesre­gierung beim Kriminalbüro antwortete dessen Leiter: „Das Ansuchen wurde von meinem Kriminalreferenten54) ... im telegraphischen Weg 50) Artikelserie 1919 Oktober 18—20. 51) Tannovanje i smrt Gavre Principa in Zvono (Sarajevo) 1919 Februar 15 und Exhumacija i pogreb kostiga Principa, Cabrinovica i Grabeza in Srpska rijeö (Saraje­vo) 1919 Oktober 18/20. 52) N. Trisic Sarajevski atentat u svjetlu bibliografskih podataka (Sarajevo 1964). 53) Brief des Gemeinsamen Finanzministeriums an die Landesregierung, 1916 März 4 (ABH GFM ZI. 211 Präs.) und des Kriminalbüros Sarajevo an die Landesregie­rung, 1916 März 18 (ABH LR Erl. 2440). 54) Ivasiuk-Ingomar.

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