Fritz Reinöhl: Ergänzungsband 7. Geschichte der k.u.k. Kabinettskanzlei (1963)

VII. Kurzbiographien der Leiter der Kabinette, der Kabinettsdirektoren und der Sektionschefs - 1. Die Leiter der Kabinette und die Kabinettsdirektoren

357 1884 und 1885 wurde Schiessl auf die Dauer der Session der serbischen Skupschtina in Nisch dorthin delegiert, weil sich der gesamte Regierungs­apparat in diese Stadt begeben hatte. Bald nach seiner am 21. März 1887 erfolgten Ernennung zum Legationsrat I. Klasse wurde — 14. April — Schiessl als erster Beamter der Botschaft in Konstantinopel zugeteilt. Nach vierjähriger Dienstleistung bei dieser wurde er — wieder als erster diplomatischer Beamter — am 11. Juli 1891 zur Botschaft in Berlin ver­setzt, „wo er sich als Geschäftsträger durch seinen Takt und seine große Klugheit eine vorzügliche Stellung gemacht“ hat133). Als 1894 der Posten in Teheran zu besetzen war, wurde Schiessl am 6. Jänner jenes Jahres zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister am per­sischen Hof ernannt und am 16. Jänner des Dienstes in Berlin enthoben. Am 19. Mai trat er die neue Stelle an. Er sollte sie nicht lange behalten. Als 1895 der schwierige Posten des diplomatischen Vertreters in Belgrad frei wurde, fiel die Wahl auf ihn. Am 10. September 1895 wurde er zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister in Belgrad ernannt. Schiessl war sich der Schwere der neuen Aufgabe bewußt. In dem Schreiben, mit welchem er am 18. Juli dem Minister seinen Dank für die Ernennung aussprach, schrieb er: „Ich bin mir auch der Schwierig­keiten bewußt, welche dem Belgrader Posten innewohnen und gehe nicht ohne Beklommenheit an die neue Aufgabe.“ Schiessl mußte aber noch eine Zeit zuwarten, bis der Ersatz für ihn eintraf. Am 24. Oktober reiste er von Teheran ab, genoß noch einen Urlaub und übernahm am 7. Dezem­ber die Geschäfte in Belgrad 134). Der neuen Aufgabe aber verstand er vortrefflich gerecht zu werden. Der Minister des Äußeren Graf Golu- chowski hat sein kluges, selbständiges, den Verhältnissen angepaßtes Durchführen erhaltener Weisungen insbesonders im serbischen Attentats­prozeß von 1899, namentlich die geschickten, erfolgreichen Vorstellungen gegen die Verhängung von Todesstrafen über die Führer der radikalen Partei, darunter des späteren Ministerpräsidenten PasiC, gerühmt. Schiessls Vorgehen hatte auch den Beifall Franz Josephs, der ja seine Berichte an das Ministerium des Äußeren wie alle wichtigen Berichte der diplomatischen Vertreter las, in solchem Maße gefunden, daß er ihm durch Goluchowski seine Anerkennung für seine kluge und taktvolle Hal­tung aussprechen ließ135). Anfang November jenes Jahres begab sich 133) F. Rosen, Aus einem diplomatischen Wanderleben, S. 53. 134) Einschlägige Akten im Ministerium des Äußeren, Admin. Registratur F 4, Schiessl. 135) Depesche Goluchowskis an Schiessl 16. 10. 1899, Ministerium des Äußeren, Pol. Archiv, Serbien, Liasse IX a. Beachtenswert ist auch die aus dem Jahre 1896 stammende Beurteilung Schiessls durch Eulenburg (Ende König Ludwigs II. und andere Erlebnisse, S. 290): „Ein höchst liebenswürdiger, ver­ständiger und kluger Mann, der überall seine Stelle gut ausfüllen wird, ohne gerade als Adler sich selbst schließlich auf den Sessel eines Ministerpräsiden­ten niederlassen zu können.“

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