W. Wagner: Ergänzungsband 6. Die obersten Behörden der k.u.k. Kriegsmarine 1856-1918 (1961)
9. Erzherzog Franz Ferdinand und die Organisation der Marine. Das Problem Führung-Verwaltung
9. Erzherzog Franz Ferdinand und die Organisation der Marine. Das Problem Führung—Verwaltung. Im Zusammenhang mit den eben geschilderten Konflikten zwischen dem Chef der Marinesektion und dem Kriegsminister stellte man in der Militärkanzlei des Thronfolgers eingehende Erwägungen über die Schaffung eines Marineministeriums an 1). Mehrere undatierte Schriftstücke 2) erörtern ausführlich die Vor- und Nachteile einer solchen Lösung. Vor allem die Diskrepanz zwischen der vollen Verantwortlichkeit des Marinekommandanten gegenüber Seiner Majestät für den Zustand der Flotte und seiner Unverantwortlichkeit gegenüber den Delegationen sowie die Vertretung des Marinebudgets durch einen Nichtfachmann, dem überdies die Forderungen des Heeres näherliegen, sei ein gewichtiger Nachteil der gegenwärtigen Ordnung, besonders zu einer Zeit, in der die Bedeutung der Marine, aber auch die für sie notwendigen Ausgaben dauernd wachsen. Die wünschenswerte Koordination zwischen Marine und Heer werde ohnedies durch den Chef des Generalstabes und vor allem durch den Kaiser selbst gewährleistet. Auch verfassungsrechtlich gebe es keine Schwierigkeiten, nur sei zu befürchten, daß die Ungarn dann beim Vorhandensein von vier gemeinsamen Ministerien die paritätische Besetzung durch Angehörige beider Reichshälften und die Verlegung zweier Ministerien nach Budapest fordern könnten. Dies sei allerdings ein so gewichtiger Nachteil, daß man besser mit einer solchen Lösung noch zuwarte. Daher wurden diese Elaborate am 4. April 1912 ad acta gelegt. Ein weiteres Memorandum, in das Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Februar 1912 Einsicht nahm, legte angesichts dieser Situation das Hauptgewicht auf ein anderes Grundproblem der Marineorganisation, nämlich die Trennung von militärischer Führung und Verwaltung innerhalb der Marine selbst, ein Zustand, der 1862 bis zur Neuordnung Tegetthoffs gegeben war. Der Wunsch nach einer neuerlichen Trennung wurde damit begründet, daß einerseits der gegenwärtige Marinekommandant durch die administrativen Agenden als Chef der Marinesektion überlastet sei, anderseits damit, daß er in Wien amtiere und daher nicht den für einen Flottenführer im Kriege unbedingt notwendigen engen Kontakt mit der Flotte haben könne. Beim Heer sei eine Lösung durch die dem Kriegsminister koordinierten Armeeinspektoren bereits vorgezeichnet. Der Führer der Flotte müsse seinen Sitz bei der Es- kadre oder — wie der Erzherzog hinzufügte — in Pola haben. Solange Monte- cuccoli Chef der Marinesektion sei, könne man ja den Flottenführer ihm unterstellen und die völlige Trennung erst nachher durchführen 3).