W. Wagner: Ergänzungsband 6. Die obersten Behörden der k.u.k. Kriegsmarine 1856-1918 (1961)
4. Die Schaffung des Marineministeriums
30 setzen hoffte, dessen verfassungsmäßige Gültigkeit Schmerling angesichts der Inkompetenz des damaligen Reichsrates vertrat. Als man sich aber dann doch zur Vorlage des Budgets entschloß und überdies in der Presse Angriffe gegen die Marine als solche und insbesondere ihre Verwaltung laut wurden, ergab sich der sonderbare Fall, daß der nach seiner Stellung als kaiserlicher Prinz unverletzliche Erzherzog bezüglich seiner Gebarung als Marineoberkommandant Gegenstand öffentlicher Debatten werden mußte. Daher nützte Ferdinand Max die Anwesenheit des Kaisers in Venedig Ende Dezember 1861 dazu aus, um neuerlich die sofortige Errichtung eines den konstitutionellen Formen entsprechenden Marineministeriums zu erbitten; man möge ihm doch die Unannehmlichkeit ersparen, auf seine Entlassung dringen zu müssen. Willkommene Unterstützung bot dem Erzherzog ein Schreiben des Vertrauten Schmerlings, Dr. Perthaler, das die Lage skizzierte und die mindestens prinzipielle Erklärung der Ministerverantwortlichkeit als unerläßlich bezeichnete, ja sie bereits für die zweite Jännerhälfte ankündigte. Perthaler war es auch, den Ferdinand Max dem Kaiser für eine provisorische Lösung empfahl, da er dank seiner intensiven Mitarbeit im Staatsministerium den Mechanismus des neuen Verfassungswesens bestens kenne und überdies in mehreren gediegenen Ausarbeitungen Marinefragen von einem hohen politischen Standpunkt behandelt und dabei eine staunenerregende Tiefe des Einblickes bekundet habe. Der Kaiser solle daher Perthaler in den Staatsrat berufen und provisorisch mit der Vertretung der Marineangelegenheiten im Ministerrat und Reichsrat betrauen. Den bisherigen Vertreter des Marineoberkommandanten im Reichsrat, Kontre- admiral Wüllerstorf, möge man entheben und auf eine Auslandsreise zur Klärung technischer Fragen entsenden. Der Erzherzog warf Wüllerstorf vor, er benütze seine Vertrauensstellung dazu, um durch Diskreditierung der gegenwärtigen Marineleitung und durch Annäherung an die extrem demokratische Partei als Ministerkandidat auftreten zu können 8). Der Kaiser erklärte sich mit diesen Vorschlägen einverstanden und beauftragte Linienschiffskapitän Breisach, dem Ministerpräsidenten Erzherzog Rainer entsprechend zu referieren, eine Ministerratssitzung zu veranlassen und dort die Anträge des Marineoberkommandanten vorzutragen. Nach privaten Besprechungen, bei denen nur der Ministerpräsident und der Kriegsminister Bedenken äußerten, fand am 4. Jänner 1862 eine Ministerratssitzung statt 9). Breisach erklärte dort, der Erzherzog habe gleichzeitig mit dem Ersuchen um Enthebung, das angesichts der Einbringung des Budgets im Reichsrat sehr dringend sei, die Schaffung eines Marineministeriums vorgeschlagen, das die beim Handelsministerium für Handelsmarine Seesanitätsangelegenheiten etc. bestehende Abteilung sowie das Ressort der Marinekanzlei zu umfassen hätte. Diesem Ministerium unterstünde dann eine Seebehörde für die Kriegsmarine sowie das übrige Seewesen. Der Marineministcr hätte dem Ministerrat beizuwohnen und im Reichsrat die Interessen der Marine zu vertreten. Der Kaiser scheine diesen Vorschlägen im Prinzip geneigt. Für