Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft

88 Walter Go] dinger Geschichtsforscher, Bibliothekare und Archivare daraus Nutzen schöpfen könnten 58). Für die Erfordernisse des praktischen Archivdienstes war für Leute, die an solchen Vorlesungen teilgenommen hatten, nicht viel gewonnen. Daher das Bestreben des Direktors des Haus-, Hof- und Staatsarchivs Ignaz Freiherrn von Reinhart, die Errichtung einer eigenen Lehrkanzel für historische Hilfswissenschaften an der Wiener Universität in Verbindung mit der von ihm geleiteten Anstalt zu erwirken. Seine Anträge, die er darüber bei der Staatskanzlei stellte, brachten ihm die Aufforderung, ein Memorandum über den historischen Unterricht an den inländischen höheren Lehranstalten vorzulegen. Darin bricht er nun eine Lanze für das Studium der Diplomatik, die er als den Schlüssel zur Geschichte und zum Ver­ständnis des Mittelalters betrachtet. Er kehrt aber auch die archivalische Seite der Angelegenheit hervor. „Wie oft wurden schon Urkunden“, so ruft er aus, „wegen der daran hängenden goldenen und silbernen Bullen vertilgt; wie oft Urkunden als unbrauchbare Scharteken, die niemand lesen kann, die zu gar nichts nützen, als Einband zu Büchern, als Heizungs- oder Packmaterial verwendet. Diesem Umstande kann durch einen belebten und belebenden Vortrag der Diplomatik abgeholfen werden“ 59)! Eine wesentliche Voraussetzung, den Diplomatikunterricht fruchtbrin­gend zu gestalten, bildet das Vorhandensein eines entsprechenden Apparates. Mögen nun solche Unterweisungen auf die Bedürfnisse der Archive in irgend einer Form Rücksicht nehmen oder nicht, mag mit diesem Fache eine Berufsausbildung beabsichtigt sein oder im allgemeinen die Schaffung von Grundlagen zur Behandlung und Auswertung historischer Quellen an­gestrebt werden, eine Einwirkung der Archive ergibt sich schon daraus, daß diese die Objekte beizustellen haben, an denen die Lehren der Diplo­matik vorgetragen werden können. Solange es keine Tafelwerke gab, mußte man sich eben der Originale bedienen. Freilich führte das in der praktischen Durchführung vielfach zu Schwierigkeiten. Die Einmaligkeit der Überlieferung, der Wert der ein­zelnen Stücke, die Sorge vor Beschädigungen machten sich hemmend bemerkbar. Gregor Gruber hatte sich eine umfangreiche Privatsammlung von Originalurkunden angelegt, die er österreichischen Archiven entnom­58) In dem kaiserlichen Handschreiben vom 12. Juli 1805, womit ein neuer Lehrplan für das Philosophiestudium eingeführt wurde, heißt es: Diplomatik und Heraldik. Diese beiden Wissenschaften sind für den gelehrten Geschichts­forscher, welcher die Geschichte aus ihren Quellen mit Sachkenntniß heraus­heben will, für Bibliotheks-Archivdienste, und für mancherley andere wichtige aus- und inländische Geschäfte notwendig (Alig. Verwaltungsarchiv: Studien­hofkommission, 2 A, philos. Studium 1805). B9) Bittner, Ein vormärzlicher Plan zur Errichtung einer Archivschule. Mitt. d. Inst. 41, 273—278. Das Memorandum ist in seinen wesentlichen Teilen gedruckt bei Gerson Wolf, Geschichte der k. k. Archive (1871), 220 ff.

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