Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft 85 Um die Benützung zu erleichtern, ist man auch in Österreich nach dem Muster anderer Staaten darangegangen, Archivinventare zu publi­zieren. Noch ohne den Gedanken an eine Veröffentlichung hat das Finanz­ministerium in seiner Stellungnahme zur Errichtung des Archivrates die Anlegung von Verzeichnissen der bei den einzelnen Behörden vorhandenen Archivalien angeregt. Darüber liegt ein Referat Gustav Winters vom 2. Juni 1895 für den Archivrat vor. Er begrüßt lebhaft solche Absichten, weist aber auch auf die Schwierigkeiten der Durchführung hin. Allgemeine Grundsätze aufzustellen sei unmöglich. Als Endziel sei die Herstellung einer Übersicht über die Bestände aller staatlichen Archive anzustreben, ähnlich wie sie für die Kunstsammlungen in dem Handbuch der Kunstpflege für Österreich (2. Auflage 1893) enthalten sei43). In der Sitzung des Archivrates vom 28. April 1898 wurde ein eigenes Komitee zur Beratung dieser Frage eingesetzt, dem Winter und die Universitätsprofessoren Jirecek und Oswald Redlich angehörten. Dieser verfaßte ein vom 6. Juni datiertes Referat. Als Grundsatz habe die Übersichtlichkeit zu gelten, man dürfe bei dem gegenwärtigen Ordnungszustand der meisten staatlichen Archive nicht zu sehr ins Detail gehen, man dürfe nicht dem französischen Vorbild folgen, sondern solle sich eher die Schweizer Inventare zum Muster nehmen. Als Einleitung sei eine kurze Geschichte des Archivs voraus­zuschicken, in der Anordnung der einzelnen Gruppen müsse neben dem chronologischen Gesichtspunkt auch die historische Entwicklung der Ver­waltungsorganisation beachtet werden44). Die Sache kam aber zunächst nicht recht vom Fleck. Der erste Band der Serie „Inventare österreichischer staatlicher Archive“ ist erst 1909 herausgekommen45). Doch wurden schon vorher, meist im Zusammenhang mit den Bestre­bungen für den Archivalienschutz, manche Inventare veröffentlicht. Es sei bloß an die Archivberichte aus Tirol46), an die Publikationen über Stadt- und Gemeindearchive, mit denen Oberösterreich den Anfang machte47), an 43) Ebd., Min. d. Innern, ZI. 1197—MI/1895. 44) Ebd., Min. d. Innern, ZI. 5200—MI/1898. 45) I: Inventar d. Allgemeinen Archivs d. Ministeriums d. Innern. Es folg­ten die Inventare d. Archivs d. Finanzministeriums 1911, d. Landesregierungs­archivs in Salzburg 1912, d. Statthalterei-Archives in Graz 1918. Als Teil V kamen die Inventare d. Haus-, Hof- u. Staatsarchivs 1933—1940 heraus. Diesen schließen sich an die Inventare d. Landesregierungsarchivs Innsbruck (1938), d. Hofkammerarchivs 1951 und des Kriegsarchivs 1953. Eine Übersicht über die Bestände des Verkehrsarchivs (früher Eisenbahnarchiv) in ihrem Umfang von 1912 gibt der „Bericht des österreichischen Eisenbahnarchivs für das Jahr 1912“. 48) 4 Bände, 1888—1912, hgg. v. Ottenthal u. Redlich. 47) E. S t r a ß m a y r, Das Archiv der Marktkommune Perg in Oberöster­reich (1909), leitete damit eine Reihe ähnlicher Arbeiten ein. Im Rahmen der „Publikationen aus dem steiermärkischen Landesarchiv“ sind seit 1898 die Kata­loge der Handschriften des Joanneumsarchivs, der Lehenbücher und Lehen­akten, dann über die Bestände, die die politische Bewegung von 1848 betreffen,

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