Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft

V. Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft. Es zweifelt heute niemand, daß die Archive das reiche Stofflager sind, aus dem sich die Geschichtswissenschaft immer wieder erneuert. Doch der Weg zu den Quellen, der uns heute selbstverständlich ist, wurde in Österreich im allgemeinen erst seit den Tagen des Humanismus beschrit­ten. Noch Thomas Ebendorfer kannte fast keine österreichischen Urkun­den. Er hatte zu den landesfürstlichen Archiven anscheinend keinen Zu­tritt1). Das wurde unter Maximilian I. anders. Doch was er von seinen Helfern erwartete, denen er etwa Auftrag gab, in Klosterneuburg For­schungen anzustellen, war nicht eigentlich als wissenschaftliche Arbeit, sondern mehr als Vorbereitung einer politischen Publizistik im Dienste seines Hauses gedacht2). Indes die Methode der Heranziehung geschicht­licher Überreste, zu denen auch die in den Schatzgewölben lagernden Ur­kunden zählten, machte Schule. Das Wirken eines Mannes wie des Schwa­ben Jakob Mennel beleuchtet sinnfällig diesen Sachverhalt3). Die Neu­organisation der Archive, der Maximilian sein Augenmerk widmete, vollzog sich unabhängig davon auf anderer Grundlage4). Die Legende, daß Cuspinian der erste Leiter eines österreichischen Staatsarchivs gewesen sei, besteht nicht zu Recht5). Doch darf man ihn als einen der ersten wis­senschaftlichen Benützer ansehen. Deutlicher bemerkt man dies an Wolf­gang Lazius, der nicht nur die Archive der Habsburger, sondern auch das Wiener Stadtarchiv und verschiedene Kloster- und Adelsarchive durch­forschte 6). Genealogische Interessen standen vielfach im Mittelpunkt sol­4) Lhotsky, Studien zur Ausgabe der österreichischen Chronik des Tho­mas Ebendorfer. Mitt. d. Inst. f. österr. Geschichtsf. 57 (1949), 229. 2) Vgl. Zibermayr, Das oberösterreichische Landesarchiv in Linz, 3. Aufl 1950, 50; E. König, Konrad Peutingers Briefwechsel 65, 85; A. Lhotsky, Festschrift d. Kunsth. Museums in Wien II/l, 77 f. 3) Lhotsky, Neue Studien über Leben und Werk Jakob Mennels. Mont­fort 6 (1951/52), 11. 4) Siehe oben 11 f. 5) Diese Meinung geht auf die Vorrede des Nikolaus Gerbelius zur Erstaus­gabe der „Caesares“ zurück, wo es von Cuspinian heißt: Patebant enim ei ex caesaris liberalitate et beneficentia omnes undique vetustiores bibliothecae, omnia ducum Austriae secretiora scrinia et archeia. Vgl. Ankwicz, Cranachs Bildnisse des Dr. Cuspinian und seiner Frau, Jahrbuch d. preußischen Kunst­sammlungen 48 (1927), 230—234. 6) Michael Mayr, Wolfgang Lazius als Geschichtsschreiber Österreichs. Ein Beitrag zur Historiographie des 16. Jahrhunderts (1894), 47, 67 ff. Auch

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