Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)
Von 1918-1945
46 Walter Goldinger Anderseits ließen aber diese Umwälzungen und die dadurch herbeigeführte Änderung der Grundlagen auf vielen Gebieten ein bisher gescheitertes Projekt wieder aufleben, den Gedanken eines gemeinsamen Archivs der österreichischen Zentralstellen, den Heinrich Kretschmayrn) bereits 1913 der Kommission für Verwaltungsreform unterbreitet und schon vorher Michael Mayr* 12) in der Öffentlichkeit vertreten hatte. Ein erster Schritt nach dieser Richtung war damit getan, als Kretschmayr die Übernahme der Archivbestände des Staatsamtes für Justiz, der Obersten Justiz- steile (1749—1848) und der Gesetzgebungshofkommission, durch das Allgemeine Archiv beim Staatsamt des Innern vollziehen konnte, das nach dieser Erweiterung 1921 auch seinen Namen in Staatsarchiv des Innern und der Justiz änderte. Damit war zugleich angedeutet, daß diese Anstalt sich organisatorisch aus dem Verbände des Ministeriums zu lösen gedachte und ein reines Facharchiv zu werden suchte. Vorerst standen allerdings die Fragen der Archivliquidierung, die Abwehr der Vorstöße, die tatsächlich schon vor Abschluß des Friedensvertrages und der späteren Archivabkommen erfolgten, man braucht bloß an das Vorgehen der Italiener in Innsbruck zu denken, durchaus im Vordergrund und nahmen alle Kräfte in Anspruch. Das alles muß hier nicht im einzelnen verfolgt werden, weil wir durch Bittner für Wien 13) und Stolz für Tirol14) darüber hinlänglich unterrichtet sind. Im übrigen bestanden im Archivwesen die aus der Monarchie übernommenen Kompetenzen fort, solange die neue Bundesverfassung noch nicht in Kraft getreten war. Das Staatsamt des Innern trachtete zumindest, die Traditionen des alten k. k. Ministeriums auf diesem Gebiete weiterzuführen, wollte von einer Änderung der ressortmäßigen Zuständigkeit auf keinen Fall etwas wissen und vereinigte einen Teil seines administrativen Tätigkeitsgebietes in Archivfragen mit dem früheren Adelsarchiv unter der Bezeichnung „Abteilung 16“, die dann später in die Abteilung 12 des Bundesministeriums des Innern, schließlich in die Abteilung 4 des Bundeskanzleramtes überging. Ein besonderes Geschick hat es gewollt, daß Michael Mayr, der als Praktiker des Archivdienstes schon in vergangenen Jahrzehnten den Ruf nach grundlegenden Reformen erhoben hatte, an die Spitze des neuen Restösterreich zu treten berufen war. Seine Vergangenheit, sein Herz als Archivar, hat er auch als Bundeskanzler der jungen Republik nicht veru) Geb. 15. Juli 1870 in Bruck a. d. Leitha, gest. 21. Juli 1939 in Wien. Nachrufe von Bittner im Almanach d. Wiener Akademie d. Wissensch. 90 (1940), 246—257; Wilhelm Bauer. Mitt. d. Inst. f. Geschichtsf. 53 (1939), 236—239; Reinh. Lorenz, Historische Zeitschr. 164, 218 f. 12) Siehe oben, S. 41, Anm. 63. iS) Gesamtinventar 1, 38* ff.; d e r s., Die zwischenstaatlichen Verhandlungen über das Schicksal der österreichischen Archive nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns. Archiv f. Politik u. Geschichte 3 (1925), 58—95. 14) Stolz, a. a. O., 27 ff.