Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert 39 ven dienen, und solche bloß von Reisen her und oberflächlich genug ken­nen, bringen der Sache wenig Nutzen. Man gebe Archivaren oder Registra­toren Gelegenheit, die auswärtige archivistische Welt kennen zu lernen, und der Vorteil für die Heimat wird aus ihren Erlebnissen viel größer sein, weil sie die Dinge mit rein fachmännischen Augen beobachten“51). Mit Entschließung vom 9. November 1894 genehmigte der Kaiser den ihm vom Minister des Innern unterbreiteten Antrag über die Bestellung eines Archivrates und sein Statut52 53). Freilich, der alte Übelstand, Unver­ständnis für die Aufgaben und die Bedeutung der Archive, wirkte weiter nach. Was uns etwa August Fournier in seinen Erinnerungen darüber zu erzählen weiß 5S 56), rundet nur das aus den Akten zu gewinnende Bild ab. Wo allerdings historisch interessierte oder überhaupt für Fragen der Wis­senschaft aufgeschlossene Männer wirkten, konnten schöne Erfolge erzielt werden, wie etwa die 1892 durchgeführte Errichtung des für die damaligen Verhältnisse wohlausgestatteten Archivs bei der k. k. Statthalterei für Niederösterreich beweist, die unter tätiger Anteilnahme des Landeschefs, des Grafen Erich Kielmansegg, erfolgt war54). Anderwärts wurden aber die Archive vielfach noch immer „als einfache Aktendepots betrachtet, in denen alte Registranten im beschaulichen Stilleben vegetieren und hie und da irgendein Aktenstück recht und schlecht priorieren“ 55). Und waren es nicht arge Gebrechen, die zu beklagen waren, so herrschte doch an vielen Stellen ein enger Ressortgeist, der auch mit wis­senschaftlichem Personal versehene Archive, wie das bereits 1892 organi­sierte Archiv des FinanzministeriumsM) und das 1895 geschaffene des Ministeriums für Kultus und Unterricht57) über die Stellung von Alt­registraturen kaum hinauswachsen ließ, umso weniger, als die Beamten 51) Alig. Verwaltungsarchiv: Min. d. Innern, ZI. 3259—MI/1894. 52) Ebd., ZI. 3705—MI/1894. 53) Erinnerungen (1923), 111, 120. 54) Die Einrichtung eines Archivs bei der k. k. Statthalterei in Nieder­österreich. Mitt. d. 3. (Archiv-)Sektion 2, 247 ff. Darüber hatte am 25. VI. 1891 eine Konferenz von Fachmännern beraten, bei der das Haus-, Hof- u. Staats­archiv, die Archive der Ministerien des Innern und für Finanzen, das nieder­österreichische Landesarchiv und das Archiv der Stadt Wien vertreten waren. *5) Aus einer Denkschrift des damaligen Leiters des Archivs des Ministe­riums des Innern Thomas Fellner. Alig. Verwaltungsarchiv: Min. f. Kultus u. Unterricht, Präs. 1024/1886. 56) Inventar des Archivs des k. k. Finanzministeriums = Inventa re österr. staatlicher Archive 2 (1911), 3—6. 57) Bei seiner Organisierung wurde eine Dienstordnung erlassen, die am 7. XI. 1895 genehmigt wurde. Alig. Verwaltungsarchiv: Min. f. Kultus u. Unter­richt, Präs. 1681/1895. Sie folgt durchaus den Grundsätzen für die Archiv­ordnung für die dem k. k. Ministerium des Innern unterstehenden Archive, beschlossen in der Sitzung d. k. k. Archivrates am 2. Juli 1895. (Druck: Mitt. d. 3. — Archiv-Sektion 4, 1899, 382—388).

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