Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert 35 liehen Arehivalien aus der bei der staatlichen Landesregierung bestehenden Zentralregistratur zu erreichen gewußt. Auch war der Landtag bemüht, zur Betreuung der staatlichen Archivalien die Bestellung eines Archivars zu erwirken. Das Ministerium des Innern lehnte aber solche Anträge mehr­mals ab, indem es erklärte, daß man der bevorstehenden Archivorganisation nicht vorgreifen könne33). In Innsbruck war schon 1866 das Archiv von der Registratur abgetrennt worden. Hatten auch die dort seit einem Jahrhundert wirkenden Gubernial- archivare gar manchen verdienstvollen Mann in ihrer Mitte aufzuweisen, so entbehrte die für die allgemeine und die Landesgeschichte so wertvolle Fundgrube des staatlichen Archivs für Tirol bis dahin noch immer einer sachgemäßen Erschließung und Auswertung. Eine Personenfrage, der Wunsch, für den Leiter der Volks- und Schützenzeitung David Schön­herr34), der mit verschiedenen historischen und kunstgeschichtlichen Arbei­ten hervorgetreten war, eine stabilere Verwendung zu finden, verband sich mit der von der Innsbrucker Historikerschule unter Führung Fickers mit Nachdruck angestrebten Absicht, das Statthaltereiarchiv der wissenschaft­lichen Forschung leichter zugänglich und dienstbar zu machen. Ein von Ficker verfaßtes Promemoria, das dem Statthaltereipräsidium vorgelegt wurde, wies in diese Richtung35 36). Schönherr hat dann die Leitung des Statthaltereiarchivs erhalten, mußte sich aber mit der Stellung eines Offizials und Adjunkten im Hilfs­ämterdienst begnügen, er gehörte damals der X. Rangsklasse an, stand also trotz Hochschulbildung auf der Höhe seines Lebens bloß im Range eines Oberleutnants. Niemand scheint der Gedanke gekommen zu sein, daß es anders sein könnte oder vielmehr müßte. Titel und Auszeichnungen, die ihm später zuteil wurden, ändern kaum etwas an dieser grundsätzlichen Haltung. 1875 folgte die Organisierung des Landesregierungsarchivs in Salz­burg, wo in dem Autodidakten Friedrich Pirckmayr 3B) eine tüchtige Kraft zur Verfügung stand, auch in Prag wurde 1882 ein staatliches Archiv bei der k. k. Statthalterei unter Leitung des vormaligen Budweiser Stadt­archivars Franz Köpi errichtet37). Schwierigkeiten ergaben sich hinsicht­38) A. M u d r i c h, Das Salzburger Archivwesen. Mitt. d. k. k. Archiv­rate:. 2 (1916), 232 ff. 34) O. Stolz, Geschichte und Bestände des staatlichen Archives (jetzt Landesregierungsarchives) zu Innsbruck. Inventare österreichischer staatlicher Archive 6 (1938), 60 f.; Oswald Redlich, David von Schönherr. Ein Lebens­bild. Zeitschr. d. Ferdinandeums 1898, 1—45. 35) Gedruckt bei Michael Mayr, Zum 40-jährigen Bestand des k. k. Statt­haltereiarchivs. Archivalische Zeitschrift, N. F. 14 (1907), 288 ff. 36) M u d r ic h, a. a. O., 234ff.; Widmann in Mitt. d. Ges. f. Salzburger Landesk. 49 (1909), 596—602. 37) Alig. Verwaltungsarchiv: Min. d. Innern, ZI. 536—MI/1882. Köpi ist am 14. IX. 1851 geboren und war bis zum Ende der Monarchie Leiter des Prager Statthaltereiarchivs. 3*

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