Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)
Schatzgewölbe und Kanzleiarchive
22 Walter Goldinger bekannt. Es wird in Verbindung mit dem Prinzen Eugen gebracht, ist aber seit 1748 mehr und mehr verwahrlost. Dieses Jahr bildete nach der Wiedererrichtung die Archivgrenze120 *). Feste Normen wie bei der Hofkammer und beim Hofkriegsrat, wo die Registraturakten in bestimmten Zeiträumen an das Archiv abgegeben werden solltenm), bestanden hier nicht. 1810 wurde die Archivgrenze auf 1791 ausgedehnt, aber erst 1820 kam es zur Bestellung eines eigenen Direktors122 123). Vinzenz von Eyssen bekleidete dieses Amt bis 1827 und stieg dann zum Leiter der Registratur auf, die dem Archiv übergeordnet war 128). Der Zustand, in dem sich das Archiv befand, und auch die Unterbringung waren kläglich. In einem Berichte sagt Eyssen: Ein Lokal, das die Kräfte, die infolge des vielen Sitzens sowieso zur Melancholie neigen, keineswegs in eine heitere Stimmung zu versetzen vermag. Es sei mehr zum Aufenthalt vierbeiniger Geschöpfe als zur Aufbewahrung der Aktenschätze und auserlesenen Geistesprodukte einer der ersten Hofbehörden des österreichischen Kaiserstaates geeignet124). Sein Kollege vom Hofkammerarchiv, Megerle von Mühlfeld, hatte es etwas besser125 *). Dieser beschreibt seine Amtseinrichtung: Ein weicher, nur zur Hälfte verschließbarer, somit höchstens für einen jeweiligen Praktikanten anwendbarer Schreibtisch, dann ein einzelner bisher glücklich dem Zahn der Zeit entrissener, jedoch schon stark abgenützter Sessel, endlich zwei, nach alter Sitte mit gelber Striezelfarbe überstrichene Wandschränke bilden das ganze Ameublement in dem gegenwärtigen Arbeitszimmer des Archiv dir ektors 128). Man war sich klar und wußte es auch gelegentlich ins Treffen zu führen, daß der Dienst in den Registraturen und vollends in den Archiven andere Anforderungen stellte als bloße Manipulationsarbeit127). So sagte Grillparzer, der von 1832—1856 Direktor des Hofkammerarchivs war128), in einem seiner Berichte: Indeß der Registraturbeamte bei verwickelten Fragen immer jemanden findet, der aus Erinnerung oder Geschäftskenntnis 120) Österr. Staatsarchiv, Abt. Allgemeines Verwaltungsarchiv: Hofkanzlei III A 2, 30 ex Mai 1810. 121) Inventar des Hofkammerarchivs. Österreichische Zentralverwaltung 1/3, 429, nr. 55. 122) Alig. Verwaltungsarchiv: Hofkanzlei III A 2, 2 ex April 1820. 123) W u r z b a c h, Biogr. Lexikon 4, 122 f. Eyssen ist am 28. Februar 1844 in Wien im Alter von 80 Jahren gestorben, wie sich aus der Verlassenschaftsabhandlung d. Niederösterr. Landrechts, Fasz. 5—46/1844, ergibt (Alig. Verwaltungsarchiv) . 124) Hofkanzlei III A 2, 392 ex Februar 1825. 125) Wurzbach, Biogr. Lexikon 17, 252 ff. Von ihm stammt auch eine Geschichte des Hofkammerarchivs. Haus-, Hof- u. Staatsarchiv, Handschriftensammlung R 313 = C. Böhm, Suppl. 1171. 12e) Hofkammerarchiv, Archivverhandlungen, 1744 1/2 ex 1816. 127) Inventar d. Hofkammerarchivs XXVII. 128) Mikoletzky, Der Archivdirektor Franz Grillparzer (anläßlich der Wiederkehr seines 80. Todestages). Der Archivar 5, 1952, 49—54.