Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft

98 Walter Goldinger Wissenschaft, auf das äußere Schicksal der österreichischen Archive ein­gewirkt hat und unabhängig von der durch Helfert eingeleiteten Aktion des Herrenhauses für die Neuorganisierung der österreichischen Archive diese Absichten von einem ganz anderen Ausgangspunkt aus wesentlich unter­stützte, beweist eine Sache, die der Grazer Professor Zwiedineck-Südenhorst eingeleitet hat115). Im April 1894 richtete er als Sekretär der historischen Landeskomission für Steiermark an den Unterrichtsminister eine Denkschrift mit der Bitte, eine Aktion ins Leben zu rufen, „durch die in den österreichischen Ländern die systematische Erforschung und Darstellung der Verfassungs- und Ver­waltungs-Geschichte und des wirtschaftlichen Lebens gefördert werden könnte. In Verbindung damit wird wohl auch die Regelung des Archiv­wesens in Österreich ins Auge gefaßt werden müssen“ 116). Zwiedineck war Schüler Adam Wolfs gewesen und hatte von ihm die „kulturhistorischen“ Interessen geerbt117). Besonders die Sozial- und Wirt­schaftsgeschichte, mit der sich von Möser und Mone bis Schmoller, Lamprecht und Inama-Sternegg bereits namhafte Historiker beschäftigt haben, verdiene Berücksichtigung. Ebenso lägen in den Staats-, Landes-, Stadt- und Familienarchiven Tausende und Tausende von Faszikeln auf­gespeichert, deren Inhalt über alle Richtungen der Verwaltung in den letzten fünf Jahrhunderten Aufschluß geben könnte. Zwiedineck regt da­her die Einberufung einer Enquete von Fachmännern an, der selbstver­ständlich auch Archivare angehören müßten. Folgende Fragen erheischen Beantwortung: a) In welchen Ländern soll die Gründung historischer Landes-Commissio- nen mit besonderer Rücksicht auf die Förderung der Verfassungs- und Verwaltungs-Geschichte angeregt werden? b) Mit welchen Mitteln kann die Regierung die notwendigen archivalischen Vorarbeiten für die Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte unter­stützen? c) Welche Organisation des öffentlichen Archivwesens empfiehlt sich mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der geschichtlichen Forschung und das Interesse des Staates an der Erhaltung von Denkmälern der Verfassung und Verwaltung? Zur Durchführung dieser Ziele wären den historischen Landeskommis­sionen geeignete Arbeitskräfte zuzuteilen, die auch in bestimmte Archive delegiert werden könnten. In der Hauptsache kämen dafür die Mitglieder des Instituts für österreichische Geschichtsforschung in Frage, die ihre 1I5) Nekrolog von 11 w o f, Zeitschr. d. hist. Vereins v. Steiermark 4, 101 bis 136; Schiitter, Hist. Vierteljahrsschrift 10, 141 f.; bes. Paula Bauer, Die Geschichtsschreibung Hans von Zwiedineck-Südenhorsts. Wiener phil. Diss., 1941; Srbik, Geist und Geschichte 2 (1951), 108 f. U6) Alig. Verwaltungsacrhiv: Min. f. K. u. Unterr., ZI. 10306/1894. 117) Srbik, Geist und Geschichte 2, 101 f. Erna Forstner, Adam Wolf. Ein Beitrag zur österreichischen Geistesgeschichte. Wiener phil. Diss., 1936.

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