Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft

92 Walter Goldinger einschlug, Stadtarchivar von Prag gewesen77). Friedrich, der durch Jahr­zehnte als Ordinarius wirkte, hat mehrfach ein Kolleg über das vatikanische Archiv gelesen78); Koss hat durch Arbeiten über das böhmische Kron- archiv Schule gemacht79), Hruby hielt Übungen zur Theorie und Praxis des Archivwesens ab, worüber er auch ein Buch veröffentlicht hat80). Klecanda hat die große Aufgabe der Edition der böhmischen Landtafel auf sich genommen 81). Als erster Vertreter der Archivtheorie in Österreich ist der Exjesuit Heyrenbach zu nennen, dessen Vorlesungen über Diplomatik im cod. 7244 der Nationalbibliothek vorliegen82). Auch sein Nachfolger, der Piarist Gregor Gruber, dessen „Lehrsystem einer allgemeinen Diplomatik“, erst­malig 1783 erschienen, für die folgenden Jahrzehnte bis zur Gründung des Instituts richtungsweisend wurde, will nicht nur eine Geschichte, sondern auch eine praktische Anleitung für die Ordnung von Archiven geben83). Die Grundrisse und Leitfäden für Diplomatik, die sonst noch in diesem Zeitraum veröffentlicht wurden, sind meist recht unbedeutend, behandeln das Archivwesen entweder gar nicht oder bringen gegenüber Gruber nichts Neues 84). Eine Ausnahme macht die 1823 erschienene Schrift von Valentin Kraus: „Die historischen Hilfswissenschaften im Grundrisse“, die in einem Anhang von Archiven und Registraturen handelt 85 *). Einer Zeitanschauung entspricht es, wenn er zu einer doppelten Archivführung rät, für die Auf­bewahrung der Originale und von vidimierten Abschriften eintritt80). Die weitere Entwicklung der Archivtheorie in Österreich leitet sich von der Pflege der historischen Hilfswissenschaften her, wie sie seit Sickel 77) Auch sein Konkurrent, der Sudetendeutsche Matthias Pangerl, war, ehe er die akademische Laufbahn einschlug, am Archiv der steiermärkischen Landschaft in Graz und am fürstl. Schwarzenbergischen Zentralarchiv in Wien tätig gewesen. Vgl. H. Zatschek, Die Anfänge der Lehrkanzel für historische Hilfswissenschaften an der Prager Universität, Forschungen zur Geschichte und Landeskunde der Sudetenländer 1 (1953), 272 f. 78) H. Zatschek, Das Wiener Institut für Geschichtsforschung und die Entwicklung der historischen Hilfswissenschaften in den Sudetenländern = Ab­handlungen d. deutschen Akademie d. Wissenschaften in Prag 14 (1944), 33 ff. 70) E. Koss-O. Bauer, Archiv koruny ceské I, Dejiny archivu = Cesky zemsky Archiv 1 (1939); vgl. Zatschek, a. a. O., 38 f. 80) Ebd., 41. Der Titel der Schrift lautet: Uvod do archivni teorie i prakse (1930). Sie stellt in der Hauptsache eine Anleitung für nebenamtliche Stadt­archivare dar. Vgl. Blaschka, Mitt. d. Vereins f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen 69, 188 ff. 81) Z a t s c h e k, a. a. O., 44. 82) Wurzbach, Biogr. Lexikon 8, 463 f.; Ingeborg Schwenden­wein, Josef Benedikt Heyrenbach. Wiener phil. Diss., 1953. 83) S. 30, Anmerkung. 84) P f o h 1, a. a. O. 85) Siehe oben, 24, Anm. 143. 8«) S. 191.

Next

/
Oldalképek
Tartalom