Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 53. Josef Karl Homma (Eisenstadt): Die Wüstungen des nördlichen Burgenlandes
61 Die Wüstungen des nördlichen Burgenlandes. Von Josef Karl Homma (Eisenstadt). Die Lage am Alpenostrand bedingte, daß der burgenländische Raum eine Durchzugsstraße von Nord nach Süd und von Süd nach Nord wurde. Er war aber zugleich in allen Jahrhunderten das Aufmarschgebiet der aus dem Alpenland in die pannonische Ebene strebenden, wie der aus dem Osten gegen den Wall der Alpen vorstürmenden Völkerschaften. Die Siedlungen dieses Raumes sind daher als Grenzlandsiedlungen naturgemäß einem bedeutend gefahrvolleren Existenzkampf gegenübergestanden als jene, die im Schutze des Gebirges oder im Geborgensein des Binnenlandes ihre ruhige Entwicklung nehmen konnten. Wenn dies für das ganze Burgenland Geltung hat, so insbesondere für dessen nördlichen Teil an der Brücker, Ebenfurther und Wiener Neustädter Pforte. Hier war in der Frühzeit das Land um den Neusiedler See beim feindlichen Anprall der Völkerschaften zur Bojer- wüste, zur Ödnis nach den Markomannenkämpfen, zur Awarenwüste, zum Ödland nach dem Magyarensturm geworden. Aber auch bajuwarisch-österreichische Ansiedlungen der späteren Zeit fielen wiederholt sowohl den Kämpfen an der Schnittlinie der österreichischen und magyarischen Interessensphäre wie auch den Türkenzügen des 16. Jahrhunderts mittelbar oder unmittelbar zum Opfer. Unmittelbar durch Zerstörungen und Niederbrennen im Zuge der Kriegshandlungen, mittelbar durch Verödung im Laufe der Zeit, da die Bewohner geflüchtet und nicht wiedergekehrt waren. Doch gibt es auch andere Ursachen, die eine Schrumpfung der Bevölkerung und dadurch der Siedlungen in unserem Raume bedingten. Elemer Moor1) nennt als Grund der Teil- oder Totalwüstungen die Pestepidemien des 14. und 15. Jahrhunderts. Die entscheidende Ursache des Auflassens zahlreicher Siedlungsstätten und der damit zusammenhängenden Schrumpfung der Bevölkerungsziffer Hegt aber nach der Auffassung Lendls 2) in Übereinstimmung mit Alfred Grund 3) in der Agrarkrise des ausgehenden Mittelalters. Sicherfich war auch in einzelnen Fällen die Unfruchtbarkeit der Böden oder die durch Versiegen des Wassers, bzw. durch zunehmende Versumpfung eingetretene Herabminderung der Güte des Bodens hinreichender Grund, eine Siedlung aufzugeben. I. Die Wüstungen im Bereiche des Bezirkes Neusiedl am See. 1. In den Leithaauen. Königsbrunn (Chunigesbrunnen): Die Siedlung wird urkundlich nur einmal, u. zw. als Schenkung Heinrich IV. an Bischof Ellenhard von Preising im Jahre 1074 erwähnt. Chunigesbrunnen und das heutige Neudorf bei Parndorf waren damals die einzigen Ortschaften im Raume zwischen Bruck a. d. Leitha, dem Neusiedler See und dem Siebenjochhügel bei Gattendorf. Die anderen Ortschaften des gleichen Schenkungsbezirkes an das oberbayrische Bistum Freising: Parndorf, Pozneusiedl, Neusiedl am See und Jois sind *) Moór Eimer, Westungam im Mittelalter im Spiegel der Ortsnamen, Acta, Bd. X., Szegedin, 1936. 2) Lendl Hubert, Das gesellschaftliche Gefüge des Landvolkes im deutsch-madjarischen Grenzraum östlich des Neusiedler Sees, in: Deutsches Archiv für Landes- und Volksforschung, 2. Jg., 1938, S. 800 ff. 3) Grund A., Die Veränderungen der Topographie im Wienerwald und Wiener Becken, in Pencks geogr. Abhandlungen, 1905.