Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VIII. Kunstgeschichte - 81. Josef Weingartner (Innsbruck): Burgenkunde

Burgenkunde. 525 Anderseits lehrt schon der einfache Augenschein, daß die Möglichkeit der Signalgebung wohl da und dort gegeben ist und dort vermutlich auch ausgenützt wurde, an anderen Orten aber gar nicht vorhanden ist. Alles in allem glaube ich nicht, daß man auf diesem Wege die Gesamtanordnung der Burgen erklären kann. Andere Theorien wieder schieben den Schutz der Grenzen, die Überwachung der hauptsächlichen Straßen, die Absperrung von Seitentälern, die Beherrschung der Pässe in den Vordergrund, lauter Gesichtspunkte, die in einzelnen, vielleicht sogar in vielen Fällen zweifellos eine Bolle spielten, aber bei nüchterner Betrachtung nirgends zur Aufstellung allgemeiner Gesetze ausreichen. Die mehr oder weniger zufälligen Gegebenheiten, z. B. das Vorhandensein eines zur Anlage und Verteidigung besonders günstigen Bauplatzes oder die unmittelbare Nähe größeren Grundbesitzes, der von der Burg aus beschützt und verwaltet werden soll, oder der wachsende Wohlstand und die rasche Vermehrung einer adeligen Familie, die zu neuen Burggründungen Anlaß gaben, haben hier sicherlich eine noch weit wichtigere Rolle gespielt. In jüngster Zeit ist mehrfach der Versuch gemacht worden, der Burgenkunde von seiten der Geographie und der Siedlungsgeschichte neue Gesichtspunkte zuzuführen. Ich möchte hier nur an die Arbeiten Werner Knapps und Storms über die Burgen in Tirol, Steiermark und Friaul erinnern. Derartige Untersuchungen können nur lebhaft begrüßt werden, da sie vielfach sehr anregend und belebend wirken und die Burgenkunde vor der Erstarrung im Traditionellen bewahren. Gegen die bisher erzielten konkreten Ergebnisse darf man aber ziemlich skeptisch sein. Das eine Mal kommt bei einem relativ großen Auf­wand geographischer Erörterungen zum Schluß wenig Greifbares heraus, das andere Mal wird zwar ein völlig neues Prinzip aufgestellt, das sich aber nicht beweisen, respektive das sich durch Gegengründe positiv widerlegen läßt. Es wäre aber wohl denkbar, daß die weitere Verfolgung ähnlicher Fragen der Burgenkunde für die Zukunft neue und fruchtbare Impulse bringen kann. Damit ist unsere knappe Übersicht über ihre bisherigen Leistungen und ihre nächsten Aufgaben zu Ende. Sie hat gezeigt, daß zwischen der ersten romantischen Begeisterung und der heutigen wissenschaftlichen Behandlung ein weiter Weg zurückgelegt wurde, daß aber auch heute noch zahlreiche Fragen, wesentliche und mehr nebensächliche, ihrer Lösung harren und daß es sich immer noch lohnt, sich mit dieser Disziplin ernstlich abzugeben.

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