Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VIII. Kunstgeschichte - 78. † Hermann Egger (Graz): Das päpstliche Kanzleigebäude im 15. Jahrhundert
494 Egger, Für die dreigeschossigen Arkaden an der gegen die Curia Palatii (Atrium Helvet.) gerichteten Langseite des Kanzleigebäudes fehlt eine brauchbare Wiedergabe. In dem so verläßlichen Stadtplan des Etienne Dupérac von 1577 erscheint diese ganz im Schatten liegende Nordseite zufolge ihrer engen Schraffierung derart undeutlich, daß es sich nicht feststellen läßt, in welchen Geschossen ihre Arkaden noch offen oder zur Herstellung von Kanzlei- und Wohnräumen geschlossen waren. Von dem westlich anstoßenden kurzen Verbindungstrakt gewährt der Dupéracsche Plan dagegen ein um so genaueres Bild. Über den 5 Achsen seiner zweigeschossigen Pfeilerarkaden erhebt sich noch ein niederer Stockwerksaufbau *). Von dem gegenüberliegenden östlichen Flügel mit seinem Arkadengang im Hauptgeschosse, der „loggia Paolina“ (siehe oben), fehlt ein genaueres Abbild. In der vielfach abgebildeten, überaus flüchtigen Skizze des Vatikans in Vogelperspektive * 2) am oberen Ende der Curia Palatii eine zweigeschossige Arkadenanlage zu erblicken, erscheint mir zu gewagt. Meinem folgenden Versuch, einen Längsschnitt durch die 3 Geschosse des Kanzleigebäudes zu rekonstruieren, liegen die besprochenen Grundrisse in den Uffizien dis. arch, n. 287 (Abb. 1) und 715 (Abb. 2) zugrunde. Die beigefügten Benennungen der einzelnen Räume entsprechen den Bezeichnungen während des Pontifikates Alexanders VI. in J. Burckards Liber Notarum. Das Erdgeschoß dürfte die ursprüngliche Anordnung seiner wesentlichsten Abteilungen bis in die Tage seines Abbruches erhalten haben. Im obersten Geschoß folgte nach den beiden großen Sälen die Flucht der „camerae sc. habitationes novae“. In ihrem zweiten Gemach nahm Alexander VI. am 4. April 1495 die Fuß Waschung vor 3). Nach der dritten, der „cam. paramentorum“, folgte der Karl VIII. als Schlafstätte zugewiesene Raum (siehe oben). Im letzten Abteil des seitlichen Korridors befand sich lange die Segretaria, soweit sich deren Lage aus einzelnen Andeutungen erschließen läßt. Was das mittlere Geschoß anlangt, für das kein Grundriß vorliegt, so dürfte die Anordnung seiner Räume eine ähnliche wie im obersten Stockwerk gewesen sein. Nach 2 größeren Sälen („aulae camerales“) 4) folgte eine Reihe von kleineren Räumlichkeiten. Nach dieser Sichtung der erhaltenen Grundrisse und Ansichten des Kanzleigebäudes erschien es zweckmäßig, die gesicherten Ergebnisse bei einer Überprüfung aller bisher veröffentlichten archivalischen Belege zu verwerten. Der Erfolg entsprach jedoch nur in geringem Maße den Erwartungen. Jene beiden Momente, die bisher einer Interpretation von Zahlungsanweisungen u. a. gegenüberstanden, verblieben auch weiterhin. Abgesehen von dem verhältnismäßig raschen Wechsel in der Benennung von Lokalitäten wirkte besonders die gleichartige Bezeichnung von Räumlichkeiten in verschiedenen, entfernt voneinander gelegenen Teilen des vatikanischen Palastgebietes stets erschwerend5). Keine geringeren Schwierigkeiten bot auch die Zusammenfassung von gleichzeitig laufenden Arbeiten „pro hedifitiis palatiorum sancti Marci et sancti Petri“ in einer und x) Im Widerspruch damit steht die 2 Jahre früher entstandene, in kleinstem Maßstab ausgeführte Wiedergabe in dem anläßlich des Jubeljahres 1575 von Antonio Lafreri herausgegebenen Stich ,,Le sette chiese di Roma“. Dieser zeigt lediglich die beiden Arkadengeschosse von einem Pultdach abgeschlossen. Vgl. Hülsen Ch., Spec. Rom. magnif. des Ant. Lafreri (Collect. Leoni S. Olschki oblata), p. 164, n. 115; ferner Ehrle F.-Egger H., 1. c., fase. II, tav. 11. 2) Repród, von Geymüller H. v., Ursprüngliche Entwürfe für St. Peter, Tafel 25, Fig. 2 (untere Skizze). 3) Vgl. BLN. ed. Celani E., I, S. 414. 4) Auch „aulae papales sc. imperiales“ genannt. Letztere Bezeichnung, in Erinnerung an die beiden Aufenthalte Kaiser Friedrichs III., ging nach dem Besuche Kaiser Karls V. 1536 auf die beiden letzten Räume im dritten Geschosse über. 5) So führten z. B. gegen Ende des 15. Jahrhunderts außer den beiden Haupträumen im alten Palaste je zwei Säle im Vorbau Pauls II. ebenso wie im Kanzleigebäude die gleiche Bezeichnung „aula prima“, bzw. „aula secunda“, was begreiflicherweise bei der Erklärung von Diarienstellen immer wieder Verwechslungen zur Folge hatte.