Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 72. Hans Lentze (Innsbruck): Joseph von Spergs und der Josephinismus

406 Lentze, gewesen, immer ungestört bleiben mögte! Aber seit anderhalb Jahren sind es leider! nur pia desideria“ x). Als sich nach dem Tode der Kaiserin bei Joseph II. der durch Jahrzehnte zurück- gedrängte Herrscherwille wie eine Sturzflut über seine Untertanen ergoß 2), da seufzte der alte Beamte der theresianischen Ära über den neuen Kurs, der ihm zutiefst verhaßt war. In seinen Briefen gibt er seinem Unmut an mehreren Stellen Ausdruck. Diese Briefe geben uns einen interessanten Einblick in die Stimmung jener Tage, da die antijosephinische Haltung weiter Bevölkerungskreise weniger literarisch als im Alltag, in mündlichen Aus­einandersetzungen zur Geltung kam 3). Die Beamtenschaft speziell litt ja schwer unter dem harten Regime des Kaisers, der an die Beamten sehr schwere Anforderungen stellte 4), so daß selbst die eifrigsten Josephiner über die Strenge des Kaisers zürnten 5) und alle Beamten, von den höchsten angefangen, mit ihrer Lage unzufrieden waren 6). So schreibt er bereits am 6. Jänner 1781 7): ,,Die veränderte Regierung hat die hiesigen Cameralisten mehr als jemals muthig gemacht. Ich fürchte, das Vaterland dürfte es auch bald empfinden . . . Indessen muß man alles Gott empfehlen: Geduld wird wenigstens für itzo das beste Mittel seyn, samt dem Trost, daß es andern auch nicht besser geht. Ich meines Orts gehe, wie bisher, den geraden Weg fort, und laße meine Gemütsruhe durch nichts stören. Arbeit aber giebt es viel mehr.“ Dann schreibt er wieder: „Dermalen giebt es hier Hals über Kopf zu arbeiten: Mich trifft es besonders stark 8)“. Das neue Jahr 1782 begrüßt er mit elegischen Betrachtungen9): „Wir haben nun das neue Jahr angetreten, ohne wissen oder vorsehen zu können, ob selbiges uns mit so vielen inländischen Neuigkeiten, wie das verwichene, überschwemmen, betäuben, und zum Theile betrüben werde. Gott schicke vielmehr vergnügliche und glückliche. Wir haben seines Segens sehr vonnöthen.“ „Wir haben überhaupt in diesem eisernen Weltalter den göttlichen Seegen mehr als jemals, nöthig. Hier ist wegen der theils täglich vorgehenden, theils noch besorglichen Verände­rungen beynahe jedermann bekümmert und unruhig im Gemüt he: das meinige erhält sich noch ungestört, und bey seiner philosophischen Gleichgültigkeit10).“ Die ganze Atmosphäre der damaligen Zeit mit ihrer Angst vor den sich jagenden Reformen und ihren Gerüchten kennzeichnet der Satz u): „Schon öfters habe über diejenigen gezörnet, die bey den itzigen, so vielen leidigen, und nur gar zu wahren Neuigkeiten sich ein Geschäft daraus machen, noch andere und ärgere hinzu zu dichten, und sie zur Allar­mierung ganzer Länder auszustreuen.“ Das Los des Beamten unter Joseph II. umschreibt er mit folgenden Worten 12): „Nur allein dauret mich, dass er in einer Zeitperiode anher gekommen, da weder für alte, noch neue Staatsdiener, es mögen ihre Verdienste seyn, wie sie wollen, etwas zu erhalten, ja nicht einmal was zu hoffen, oder was sonst vergnügliches zu hören, auch keine Sicherheit für das künftige Schicksal zu erlangen ist.“ „So unangenehm und beschwerlich auch heutiges Tages der Dienst immer ist, wünsche ich dennoch aus Liebe zu meinem Vaterlande, daß Eure Wohlgeboren mit selbem noch lange beladen bleiben, wenn es gleich dero Verlangen J) Br. Laicharding Vater, Nr. 40, 17. Aprü 1782. 2) Winter, a. a. O., S. 130. 3) Valjavec, a. a. O., S. 90. 4) Mitrofanov, a. a. O., S. 284 ff.; Bibi, Kaiser Josef II. Wien und Leipzig o. J. (1943), S. 152 ff.; Benedikt, Kaiser Joseph II. Wien 1947, S. 146 f. 5) Mitrofanov, a. a. O., S. 341. 6) Mitrofanov, a. a. O., S. 344. 7) Br. Wilten, f. 121, Nr. XXXI. 8) Br. Wüten, f. 127, Nr. XXXII, 18. März 1781. 9) Br. Wilten, f. 145, Nr. XXXVII, 2. Jänner 1782. 10) Br. Wilten, f. 153, Nr. XXXIX, 10. Aprü 1782. u) Br. Laicharding Vater, Nr. 41, 31. Juli 1782. 12) Br. Wilten, f. 169, Nr. XXXXIII, 11. Juli 1782.

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