Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 70. Walter Sturminger (Wien): Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683
352 Sturminger, kammerrates Karl v. Belchamps, der während der Belagerung das Direktorium der hinter- lassenen Hofkammer führte1), und das Newald veröffentlicht hat2), heißt es unter dem 18. August: ,,Eodem dato dem Herrn Franz Horschitzky Brief der Gralität zuebringen angewiesen 200 Dukaten in specie“ 3). Weiter berichten die Geschichtsschreiber, Kolschitzky habe aber den Weg durch das türkische Lager nicht mehr unternommen, da durch Überläufer gemeldet worden war, daß sein Unternehmen und auch seine Personsbeschreibung den Türken bekannt geworden sei. Nunmehr habe aber sein Diener Georg Michaelowitz, der seinerzeit Kammerdiener beim kaiserlichen Residenten bei der ottomanischen Pforte gewesen sei, den Weg zu Herzog von Lothringen noch dreimal gewagt, das dritte Mal sei er wohl zur kaiserlichen Armee, aber nicht mehr in die Stadt zurückgelangt. Tatsächlich wurde am 19. August wieder ein Bote an den Lothringer mit Briefen gesandt. Wer war aber dieser Bote, der angeblich der Diener Kolschitzkys war und der früher fälschlich Michaelowitz genannt wurde ? In dem erwähnten Rechnungstagebuch des Hofkammerrates v. Belchamps ist verzeichnet: „Am 19. August dem Herrn Stephan Seradly der zu Ihro Durchlaucht Herzog von Lothringen mit Brief geschickt von denen versprochenen 200 Dukaten Ihme 100 in specie angewiesen“ 4). Aus dieser Eintragung geht nun unzweifelhaft hervor, daß dieser Bote ein bisher unbekannter Seradly war und nicht, wie fälschlich angegeben, Michaelowitz. Da diese Botschaft von dem Diener des Kolschitzky ausgeführt wurde, so war wohl Seradly dieser Diener. Erhärtet wird dies dadurch, daß Kolschitzky in der in Druck erschienenen Erzählung seines Ganges durch das türkische Lager selbst anführt, sein Diener habe ihm, als sie auf ihrem Rückwege vom Entsatzheere nach Wien unvermutet auf einen Türken stießen, in ungarischer Sprache angerufen 5). Nun ist Seradly István zweifellos ein ungarischer Name. Seradly hat sich, wie man sieht, sicherheitshalber die Hälfte des ausbedungenen Lohnes vor seinem Abgänge aus Wien auszahlen lassen, während Kolschitzky erst nach seiner glücklichen Rückkehr bezahlt worden war. Seradly erhielt am 24. August bei seiner Rückkunft von der kaiserlichen Armee die restlichen 100 Dukaten in Gold ausgefolgt 6). Der Anfang des in französischer Sprache geschriebenen Briefes, den Seradly dem Herzog von Lothringen überbrachte, lautet in deutscher Übersetzung: „Wien den 18. August 1683. Euer Durchlaucht! Ich danke Gott, daß endlich einer meiner Briefe Euer Durchlaucht erreicht hat. Ich hätte seit dem 22. Juli mehrere gesandt, wenn ich gewandte Personen gefunden, welche sie glücklich überbracht hätten. In dieser Hinsicht hatten viele Sendboten schlechten Erfolg. Ich bitte demnach, überzeugt zu sein, dass es weder jetzt noch später an uns liegt, wenn Euer Hoheit nicht öfter Nachrichten von unserem Schicksale erhalten. . . . “ Der Rest des Schreibens ist für diese Abhandlung uninteressant 7). Nun erst taucht Michaelowitz als Bote auf. Wir finden im Rechnungstagebuche die Eintragung: „Den 27. August dem Herrn Georgio Michaelowitz Brief zu der Armee zu tragen vor seiner Abreise 100 Dukaten in specie angewiesen“ 8). Bei seiner Rückkehr Valcaren John Peter, A Relation or Diary of the siege of Vienna. London 1684, S. 65, 69. Vancsa Max, „Politische Geschichte“ in ,Geschichte der Stadt Wien' hrsg. vom Altertumsvereine zu Wien. Wien 1911, IV. Bd., S. 143. W. B., Heroischer Heldenmuth . . . des . . . Carl des fünften Herzogen v. Lotharingen. Wien 1767, S. 16. x) Hofkammerarchiv, Ung. Hoffinanz, rot. Nr. 294, ddo. 2. November 1683. 2) Newald, II, S. 62—74; Porschéi Maximüian, Die Topographie Wiens. Türkennummer. Jg. 1933, Nr. 9. Wien 1933, S. 19. 3) Newald, II, S. 67. 4) Hocke, S. 132; Newald, II, S. 68. 6) Das Heldenmütige .. . Unterfangen .... 8) Newald, II, S. 68. 7) Kriegsjahr, S. 195/196; Newald, II, S. 16. 8) Hocke, 154 (aber unrichtig!); Newald, II, S. 69.