Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 70. Walter Sturminger (Wien): Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683
349 Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683. Von Walter Sturminger (Wien). Am 14. Juli 1683 erschien das türkische Heer vor Wien und umschloß die Stadt vorerst in zwei großen Halbkreisen von den Weißgärbern bis in die Roßau, bzw. von Kaiserebersdorf bis nach Nußdorf. Die Vorstädte waren vor Annahen der Türken von den Verteidigern selbst niedergebrannt worden. Herzog Karl V. von Lothringen hielt mit seiner Heeresgruppe noch die Donauinsel — die heutige Leopoldstadt und Brigittenau — besetzt und war bestrebt, die Verbindung mit der belagerten Festung Wien aufrechtzuerhalten. Aber schon am 16. Juli setzten die Türken über die Donau und besetzten die Insel. Die kaiserliche Armee mußte sich in den Raum Jedlesee—Stammersdorf—Bisamberg zurückziehen. Wien war von dieser Stunde an bis zum 12. September von aller Welt abgeschnitten, die wichtige Verbindung Starhembergs zu Herzog von Lothringen unterbrochen. In dieser Not fanden sich aber immer wieder tapfere Männer, die es wagten, durch die türkischen Linien zu gehen und Nachrichten und Briefe zu übermitteln. Gar manche mußten ihren Mut und ihre Opferbereitschaft mit ihrem Leben bezahlen, ihre Namen sind nicht einmal der Nachwelt bekannt geworden. Heute kennt jeder Wiener nur den Namen Kolschitzky, der es durch seine Reklamesucht verstanden hat, sich eine bis in unsere Zeit wirkende Berühmtheit zu verschaffen. Wer aber kennt seinen angeblichen Diener Michaelowitz ? Wer weiß etwas von den anderen soldatischen und zivilen Kundschaftern, von Heider, von Leutnant Gregorovitz, von Seradly, von Theodat ? Als nun Wien vollständig eingeschlossen war, erließ Starhemberg am 20. Juli einen Aufruf an die Garnison und die Bürgerschaft Wiens, wonach jeder, der es wage, die Donau mit Nachrichten zu übersetzen, 100 Dukaten ausbezahlt bekäme. Aber vergebens, vorerst fand sich trotz der für die damalige Zeit hohen Summe niemand bereitx). Da kam aber in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli ein Mann des Götzischen Kürassierregimentes über die Donau geschwommen und brachte Starhemberg einen in einer Schweinsblase verschlossenen Brief des Lothringers, der baldigen Entsatz verhieß. Auf dem Rückweg fiel dieser Kürassier, dessen Name nirgends aufscheint, aber samt dem chiffrierten Antwortschreiben Starhembergs in die Hände der Türken. Vor Kara Mustapha gebracht, deutete er die Chiffren dahin, daß Starhemberg Hilfe verlange, da von der ehedem 10.000 Mann starken Besatzung schon 3000 tot oder kampfunfähig seien * 2). Kara Mustapha ließ diese freudige Nachricht im ganzen Lager kundmachen und den Brief am 26. Juli mit einem Pfeile beim Burgravelin hereinschießen. Er hatte an das Schreiben einige Sätze in lateinischer Sprache anfügen lassen, es sei überflüssig, in Chiffren zu schreiben, da der erbarmungswürdige Zustand der Festung ohnehin allgemein bekannt wäre. Er forderte auch abermals unter mannigfachen Versprechungen zur Übergabe der Stadt auf3). *) Das Kriegsjahr 16S3, bearbeitet in der Abteilung für Kriegsgeschichte des k. k. Kriegs-Archivs. Wien 1883, S. 165. 2) Hocke Nicolaus: Kurtze Beschreibung / Dessen Was in wehrender Türckischen Belagerung . .. Wienn 1685, S. 53. Kriegsjahr, S. 165. 3) Hocke, S. 68/69. „Relation du siége de Vienne par un officier de la gamison“ H. H. u. St. A.- Lothringisches Hausarchiv, Nr. 15, pag. 458—469, veröffentlicht in Stöller Ferdinand; „Neue Quellen