Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 69. Otto Forst-Battaglia (Wien): Michal Wiániowiecki. Ein Kapitel aus einer politischen Geschichte Polens

Michal Wiéniowiecki. 345 einstigen Monarchen wissen, sie beharrten vielmehr auf St. Paul. Dieser sollte gewählt werden, sobald der auf dem 18. Mai 1672 nach Warschau berufene Reichstag die Ab­dankung des bisherigen Schattenherrschers, möglichst ohne Blutvergießen, gebilligt haben würde. In den ersten Wochen der Session hatte der Hof das Übergewicht. Bald indes erschienen die mißvergnügten Magnaten, umgeben von zahlreichen Truppen. Sobieskis ihm blind ergebene Offiziere griffen vom Zuhörerraum des Reichstags aus in die Debatten ein. Man mochte sich ins Cromwellsche Parlament versetzt fühlen. Prazmowski über­brachte schließlich am 28. Juni dem König die Forderung, auf die Krone zu verzichten. Wisniowiecki weigerte sich, mochte er auch dabei das Leben riskieren. Allein Mord oder Aufkündung des Gehorsams und offene Rebellion unterblieben. Der österreichische Gesandte griff ein, Sobieski sprach sich gegen blutige Lösungen aus und vor allem: am gleichen Tage traf die Hiobspost ein. St. Paul sei zwei Wochen zuvor beim Rheinübergang der französischen Armee gegen die Holländer gefallen. So endete der Aufruhr mit einem Manifest, daß über 40 Beschwerden der Mißvergnügten aufzählte, doch die Thronrechte Michals ausdrücklich anerkannte. Einen Monat später, am 2. August, überschritten die Türken bei Zwaniec den Dnjestr. Noch bis in den Juli hinein erblickten die Landtage, zumal die der Westprovinzen, in den Warnungen Sobieskis leere Vorwände, um die Rüstungen der Mißvergnügten zu bemänteln. Doch nun umlagerte eine hundertfache Übermacht das schlecht bewehrte Kamieniec, in dem 1100 Mann den Angriffen der mit modernen Kampfmitteln ausgerüsteten Osmanen trotzen sollten. Nach einer Woche war das „uneinnehmbare“ Bollwerk der Christenheit reif zur Übergabe. Die Türken waren darüber sehr erstaunt. „Die Sterne müssen uns günstig sein“, meinte der Großwesir Köprülü. Er hätte den Sternen am politischen Himmel Polens danken dürfen. So wich am 30. August 1672 das Kreuz dem Halbmonde. Sobieski hat die Verteidiger herb kritisiert; im Lichte seines Urteils erscheint auch der angebliche Freitod der 700 mit Wolodyjowski und Heyking, die eher sterben als sich in Gefangen­schaft fügen wollten, zumindest zweifelhaft. „Les assiégés de Kamieniec ne se sont pas bien défendus et se sont rendus lächement. Nos gens avaient mis le feu ä la poudre dans le chateau vieux, par inadvertance.“ Mohamed und der Großwesir bewiesen übrigens Milde, mehr, als sonst des Landes und der Zeit der Brauch war. Das osmanische Heer rückte von Kamieniec durch Pokutien gegen Lemberg, überall die kleineren Waffenplätze mühelos erobernd. Die Hauptstadt Reußens aber, deren Wider­stand der Krongroßhetman organisiert hatte, ermüdete die sie bestürmenden Truppen des Tatarenchans und Dorosenkos so sehr, daß diese gegen ein Lösegeld abließen. Sie fürchteten den nahenden Winter, nicht etwa die sich träge zusammenrottenden Leute des Pospolite Ruszenie. Dieses war, gegen 80.000 Mann stark, bei Gol^-b um Wisniowiecki versammelt, doch der König und seine Berater scheuten sich, mit Fug, diesen regellosen Haufen der türkischen Armee entgegenzuführen. Dennoch war es verbrecherischer Klein­mut, daß man die demütigenden Bedingungen der Pforte annahm, ohne den Versuch des Hinausschiebens zu wagen. Die Muselmanen waren kaum instande, das rauhe Klima Polens während der kalten Jahreszeit zu erdulden; zum Defensivkrieg hätten auch die militärischen Fähigkeiten des Landsturms ausgereicht und die Kriegshilfe Österreichs war, entgegen dem, was oft ohne Kenntnis der Akten versichert wird, in absehbarer Frist zu erhoffen. Leopold I. mahnte im herzlichen Schreiben zur Ausdauer. Ein großes kaiserliches Heer wurde zusammengezogen, das, nach vorbereiteten Plänen, im Frühjahr 1673 aktionsfähig gewesen wäre. Erst auf die Nachricht vom Schmachfrieden Polens mit der Pforte sind diese Truppen wieder ausein andergegangen. Die Leistung Sobieskis zeigt mit besonderer Deutlichkeit, wie groß die Schuld Wiániowieckis und der Adelsanarchie war. Während die Szlachta in Gol^b schrie, trank und randalierte, jagte der Krongroßhetman auf einem prächtigen Raid die Tataren vor

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