Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 69. Otto Forst-Battaglia (Wien): Michal Wiániowiecki. Ein Kapitel aus einer politischen Geschichte Polens

339 Michal Wisniowiecki. Ein Kapitel aus einer politischen Geschichte Polens. Von Otto Forst-Battaglia (Wien). 1. Interregnum und Wahl. Als der Zwischenkönig Erzbischof Prazmowski am 17. September 1668 sein Amt antrat, nachdem wenige Stunden zuvor, Jan Kazimierz vom Reichstag tränenreichen Abschied genommen hatte, da mochte es Polen und Fremden scheinen, das Volk der Sarmaten werde in höchster Freiheit von seinem kostbarsten Recht, der Wahl des künftigen Monarchen, Gebrauch machen. In Wirklichkeit lasteten auf diesem Recht zwei Hypotheken, von denen die große Masse der durch sie Verpflichteten nichts wußte: der Kaiser, Frankreich und Brandenburg waren miteinander übereingekommen, die polnische Krone dem Pfalz­grafen Philipp Wilhelm von Neuburg zuzuwenden; im Wiener Archiv aber ruhte eine Urkunde, die am 27. Mai 1657 zu Wien gefertigt, nach der Auffassung des österreichischen Hofes ähnliche Bedeutung haben sollte, wie die habsburgischen Erbverträge mit Ungarn und Böhmen. In diesem von der Not der Schwedenzeit den Polen abgerungenem Dokument hieß es: ,,es hat dem König von Polen und mehreren Großen des Königreichs gut geschienen, für die Sicherung des Friedens bis zur späten Nachkommenschaft zu sorgen und dies kann nicht anders geschehen, als wenn das Haus Österreich nach dem dereinstigen Hinscheiden des Königs von Polen zum Szepter Polens und Litauens gelangen wird. . . . Wir werden unser ganzes Ansehen und alle unsere Kraft daran wagen, daß einer vom Hause Österreich friedlich und mit Zustimmung der Republik durch freie Wahl zum König von Polen und Großherzog von Litauen gewählt werde, und zwar vorzüglich der, den der König von Ungarn (später Kaiser Leopold I.) der Republik empfehlen wird“. Dieses Versprechen war vom Primas Leszczynski, von Bischof Trzebicki, vom Wojwoden und spätem Großkanzler Jan Leszczynski, vom Groß-Schatzmeister Boguslaw Leszczynski und dessen Nachfolger Andrzej Morsztyn und von Jerzy Lubomirski, dem Helden des Adelsaufstandes, unter­zeichnet. Eine Klausel besagte ferner: ,,Wenn einer der genannten Senatoren aus dem Leben scheiden sollte, ehe diese Verheißung in Kraft tritt, dann wird der König von Polen niemand neue Würden verleihen, der sich nicht vorher zugunsten des Hauses Österreich verpflichtet hat.“ In Wien baute man auf die Zusage polnischer Oligarchen, von denen gerade die mächtigsten noch auf Erden wandelten. Freilich wollte man nicht einen Erzherzog kandidieren, den es seit dem Tod des Bruders Leopolds I., Karl Josephs, des österreichischen Thronbewerbers für Polen, nicht mehr gab, sondern man dachte die vermeinten Ansprüche einer Frau zu übertragen. Deshalb bewarb sich Jerzy Lubomirski, einer der Eingeweihten, so eifrig um die Hand der Erzherzogin Eleonore für einen seiner Söhne; deshalb schmachteten nach ihr zwei andere sarmatische Große, der Erbe der Ostrogski und der am habsburgischen Hofe herangebildete Wisniowiecki. Der Rokosz Lubomirskis und die „überraschende“ Wahl des Sohnes des Fürsten Jarema erscheinen durch diese Zusammenhänge in neuem Licht. Es wird auch begreiflich, daß sich Österreich mit wenig Eifer für den Pfalzgrafen einsetzte und daß es dagegen einen andern Prätendenten, den Prinzen Karl von Lothringen, unterstützte. Denn das war der Auserkorene, dem Eleonore ihr Herz bestimmte und dem

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