Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 58. Josef Prader (Brixen): Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels
178 Pr oder, Andere Strafmittel, welche oft in Anwendung kamen, waren Ausschluß vom Kapitel und Entzug des Stimmrechtes 4), öffentliche Rüge 2) oder correptio, Karzerhaft („career, Gewahrsam, Keiche“), oft noch verschärft durch Fasteji bei Wasser und Brot3), Entzug des Pfründeneinkommens und andere Geldstrafen4), Abbitte (deprecatio)5) und Zwangsbußen6). d) Das Gerichtsverfahren. Das Gerichtsverfahren des Dekanalgerichtes war also, wie wir aus dem vorausgehenden ersehen, immer ein inquisitorisches. Das DK war nur für Zivilklagen zuständig oder, wenn wir den Ausdruck der Statuten gebrauchen, für die „causae criminales civiliter intentatae“, soweit es Vergehen waren, welche nicht zu den „delicta enormia“ zählten 7). Jedoch hat das DK auch solche Vergehen durch Inquisitionsverfahren verfolgt, die nach dem allgemeinen Recht „delicta enormia“ waren 8). 1 2 3 4 5 6 7 8 1) Prot. Cap. VI a, 208, 210. Prot. Cap. VII b, 105 (1610). Kan. Wilhelm von Welsperg wurde wegen Streit von Chor und Kapitel ausgeschlossen. Das Hl. Kreuz Spital wurde ihm als Aufenthaltsort angewiesen. Prot. Cap. VIII, 75. Kan. Karl von Friedberg wurde wegen Zänkereien und verbotenen Waffentragens von Chor und Kapitel ausgeschlossen. 2) In der Rüge liegt eine öffentliche Beschämung, und darin ist die Strafe enthalten. Diese Strafe wurde oft angewendet. Ähnlich, nur noch schärfer, ist die Prangerstellung, welche gegen unverbesserliche Konkubinarier angewendet wurde. 3) Prot. Cap. II, 63 f., 82, 113, 126, 137. Ein Benefiziat geht mit Messer und Degen umher und wird deshalb zu Kerkerhaft verurteilt. Prot. Cap. IV, 36. „Beneficiatus incarceratur wegen nächtlicher Umtriebe“. Prot. Cap. V b, 446, 450. „Beneficiatus incarceratur in causa iniuriarum“. Prot. Cap. VI b, 502, 436, 914. „Clericus incarceratur propter incontinentiam“. Prot. Cap. X, 890. Ein Benefiziat wird zur Residenz aufgefordert „sub poena incarcerationis“. Prot. Cap. XI, 932; XII, 664 (1662 X 1). „Beneficiatus publice diffamatus et nocte deprehensus cum maritata in cubili ad capitulum vocatus est, ut de crimine illato se purget. Veniam deprecatus est flexis genibus. Paterne correptus est et capitulariter definitum est, ut per octiduum pane et aequa victitans inclusus maneat, poenam pecuniariam 30 fi. solvat et testimonium confessionis generalis exhibeat.“ 4) Prot. Cap. II, 27’ (1531). Das DK fordert einen Benefiziaten auf, seine Schulden zu bezahlen. Weil er sich weigert „suspenditur a perceptione fructuum et distributionum et incarceratur“. Prot. Cap. IV, 36 (1547). „Decanus correxit capellanos apud omnes Sanctos ob maximam eorum neglegentiam et excessus. Liberati a carcere suspenduntur a fructibus beneficii ac ingressus chori interdicuntur.“ Prot. Cap. XVI, 245 (1749); XXVI, 433 (1750); XXVI, 566, 597, 612, 686, 690. Man darf den in den Statuten festgesetzten Entzug eines bestimmten Pfründeneinkommens nicht als Kirchenstrafe im strengen Sinne des Wortes auffassen, sonst hätte sie das DK nach Ende des 17. Jahrhunderts nicht mehr anwenden können, da es ja keine vom Bischof unabhängige Strafgewalt mehr besaß. 5) Prot. Cap. VI b, 19 ff. 24, 35, 45; VI a, 85; XVII, 521 ff. Die Abbitte mußte immer geschehen bei Injurienklagen. Sie mußte vor dem Dekan und zwei oder vier Zeugen geschehen. Nach geleisteter Abbitte mußte ein Strafgeld an die Domfabrik gezahlt werden. Wurde die Abbitte nicht geleistet, so wurde der Injurienprozeß geführt. Verbalinj\irien konnten auf eine Zivilklage hin durch das Dekanalgericht verfolgt werden. Für schwere Realinjurien aber war nur das bischöfliche Gericht zuständig. 6) Zwangsbußen wurden oft auferlegt. Nur ein Beispiel: Prot. Cap. XVII, 521, 523’ (1685). Wegen Verkehr mit „mulieribus suspectis“ wird ein Informativprozeß gegen einen Dombenefiziaten geführt: „Sub poena privationis beneficii illi iniunctum est, ut singulis 14 diebus confessionem instituat et de hac testimonium Decano exhibeat, praeterea ut nocte tempore non exeat.“ 7) Vgl. oben 2. Kap., B, n, 4. 8) Prot. Cap. XVIII, 249 (1619 XII 1): „In delicto stupri commissi a clerico Chori Cathedralis Brixi- nensis Michael Pedrarges fuit inquisita et processata puella stuprata a iudice saeculari.“ Der Domdekan berichtet, daß der Anwalt des Stadtgerichtes das Mädchen „peinlich wider Herrn Michael Pedrarges“ examiniert hat, so daß das Mädchen erkrummt ist. Weil solches Vorgehen gegen das kirchliche Recht und gegen die geistliche Obrigkeit angefangen wurde, sei dagegen einzuschreiten. Schmalzgrueber, V, tit. 2, n. 6: Judex competens feminarum, si dehnquant cum clerico contra decorem ordinis est iudex ecclesiasticus ob sacrilegium, quod ipsae cum clerico peccando committunt, hoc de iure comuni. In praxis istud nob observatur, cum iudex saecularis in tales mulieres procedi solet. Hinschius, KR, V, S. 815. Solche Vergehen zogen meistens die Strafe der Deposition nach sich.