Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 58. Josef Prader (Brixen): Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels

Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels. 159 kommunikation, der Suspension und des Interdiktes nur nach vorhergehender Benach­richtigung oder mit Zustimmung des Kapitels verhängen *). Besonders waren die französischen Kapitel bestrebt, ihre Exemptionen immer mehr zu erweitern. So war im DK von Chartres der Bischof nur dann Richter erster Instanz, wenn über solche gerichtlich verhandelt wurde, welche nicht zum Kapitel gehörten. Wenn es sich aber um Mitglieder des Kapitels handelte, war das Kapitel selbst Gericht erster Instanz, so daß jeder Kanoniker von der bischöflichen Gewalt vollständig frei war. Nur bei Justiz­verweigerung von seiten des Kapitels konnte der Bischof einschreiten 2). Das Kapitel von Montpellier erhielt ein ähnliches Privileg von Papst Alexander III 3). Ebenso das Kapitel von Chalon 4). Letzteres erhielt von Papst Lucius III. sogar das Privileg, gegen seine Parochianen, welche die Kirchen und Dienstleute des Kapitels schädigten, mit Zensuren vorzugehen und ihre Orte mit Interdikt zu belegen 5). Auch in Deutschland beanspruchten die Kapitel für sich eine selbständige Gerichts­barkeit. Jedoch der Grad derselben war in den einzelnen Diözesen verschieden 6). In Osnabrück durfte der Domdekan nur kleinere Strafen verhängen. Die Exkommunikation und Suspension, wie auch das Interdikt blieb dem Bischof reserviert 7). In Halberstatt durfte der Bischof nicht über die DHH, ihr Gesinde, die Vikare und über die Personen, welche auf der Domfreiheit wohnten, richten. Ebenso durfte er nicht ohne Wissen und Whllen des DK die Strafe der cessatio a divinis und das Interdikt über die Kathedrale verhängen 8). Die Kapitelstatuten bestimmen über die Jurisdiktion des Dekans: ,,item decanus omnes defectus quoad dominos capitulares de consensu capituli sui et quoad vicarios so­lus fideliter debet emendare et corrigere“ 9). In Bremen konnte der Domdekan mit Zustimmung des Kapitels auch Zensuren und Gefängnisstrafen verhängen 10). In Ca min hatte der Domdekan die volle Gerichtsbarkeit, welche er aber nur mit Zu­stimmung des Kapitels ausüben durfte 11). In Merseburg heißt es in den Domkapitelstatuten: „Decanus habet concurrentem iurisdictionem cum Domino nostro Episcopo Merseburgensi et suo officiali“ 12). In Trier hatte der Domdekan eine Strafgewalt auszuüben auf Grund einer alther­gebrachten Gewohnheit. Er konnte alle Vergehen von Klerikern, welche zum DK gehörten, strafrechtlich verfolgen. Ausgenommen aber waren die Vergehen, welche die Strafe der privatio beneficii, depositio und degradatio nach sich zogen. Für diese war allein der Bischof zuständig 13). Diese statutarisch festgelegte Gerichtsbarkeit suchte sich das DK im Laufe *) Hinschius, KR, V, S. 293, n. 4—5; J. 13171 (Alex. III. a. 1166 Capitulo Laudunensi); J. 9828, Migne, CLXXXVIII, 1032 (Anastasius IV, a. 1154; J. 6390, Migne, CLXIII, 351 (Paschalis II. a. 1114; J. 11614, Migne, CC, 578 (Alexander III. a. 1169); J. 12047, Migne, CC, 817 (Alexander III. a. 1171); J. 5805, Migne, CLI, 546 (Urban II. a. 1099); J. 11312, Migne, CC, 431 (Alexander III. a. 1166); J. 6651; Santifaller, Papsturkunden, S. 87, 88. 2) Barth F. X., Das kirchliche Stellenbesetzungsrecht, S. 307; Hofmeister Phil., DK, S. 230; Hinschius, KR, II, S. 146, n. 8. 3) Migne, CC, 521. 4) Migne, CC, 1310. 5) Migne, CCI, 1227. 6) Hofmeister Phil., DK, S. 232. 7) Hagemann H., Das Osnabrücker DK, S. 90. 8) Brackmann, Zeitschrift des Harzvereins, XXXII, S. 50, 78. 9) Schmidt G., Urkundenbuch des Hochstiftes (Merseburg) Halberstatt IV, n. 3311. 10) Pottel B., Das DK von Ermland, S. 37, 56. u) Klempin B., Diplomatische Beiträge zur Geschichte Pommerns, S. 341—342; Lünig J., Speci- legium, S. 23. 12) Kehr, UB des Hochstiftes Merseburg, I, S. 961. 13) Bastgen X., Die Geschichte des Trierer DK im Mittelalter, S. 205—211.

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