Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 56. Rudolf Till (Wien): Der Sicherheitsausschuß des Jahres 1848

122 Till, Anordnungen, erledigte die noch unerledigten Geschäfte, begehrte vom Ministerium ein Absolutorium über das ihm am 27. Mai zur Wahrung übergebenen Staats-, Hof- und Privat­vermögen, beschloß, die Sitzungsprotokolle und Akten dem Staatsarchiv zu übergeben, die Bevölkerung Wiens von seiner Auflösung durch ein motiviertes Plakat in Kenntnis zu setzen und ihr für das geschenkte Vertrauen zu danken. Mit Dankes Worten des Vor­sitzenden an den Ausschuß erklärte sich dieser für aufgelöst. Seine Auflösung wurde mehr oder weniger teilnahmslos hingenommen. Das Ministerium sprach ihm seinen Dank aus *). Der Reichstag erhielt die Mitteilung von seiner Auflösung durch Minister Doblhoff. Er nahm sie ohne besondere Stellungnahme zur Kenntnis. Nur Violand ergriff das Wort und sprach sich in einer feurigen Interpellation gegen seine Auflösung aus. Auch die radikale Presse fand warme Worte der Anerkennung für den aufgelösten Sicherheitsausschuß, aus denen aber die Befürchtung herauszuhören war, daß sein Ende auch das Ende der Freiheit Wiens sei. Mit der Auflösung des Sicherheitsausschusses war die demokratische Partei ohne ein Organ, mit dem sie die Regierung überwachen und beeinflussen konnte. Die gemäßigten Mitglieder desselben bildeten einen „Verein zur Wahrung der Volksrechte“, der auch im Musikvereinssaale in den Tuchlauben tagte* 2). Die radikalen Mitglieder traten dem „Demokratischen Verein“ bei, der sich an die Spitze der revolutionären Bewegung stellte. Die Reaktivierung des Sicherheitsausschusses wurde von dieser Seite noch einmal ernstlich versucht, u. zw. am 13. September im Zusammenhang mit der Swobodaaffäre 3). Damals verlangte die Akademische Legion auf Beschluß des Studentenausschusses seine Wieder­einsetzung. Garden und Studenten, Professor Füster an ihrer Spitze, zogen in Demon­strationszügen durch die Stadt und vor das Ministerium. Man trug gedruckte Zettel auf dem Hute mit der Aufschrift: „Bürger Wiens! Nur die Wiedereinsetzung des Sicherheits­ausschusses kann uns aus unserer bedrängten Lage retten.“ Das Ministerium wies das Ansinnen der Demonstranten zurück, betrachtete diese Zettel als revolutionäre Abzeichen und setzte Militär dagegen ein. Im Oktober sollte der Sicherheitsausschuß doch noch, wenn auch in anderer Form und aus anderen Beweggründen eine Wiederbelebung erfahren. Am Abend des 6. Oktober, als in Wien die Revolution in ein neues Stadium getreten war, wurde auf Antrag des Abgeordneten Borrosch von dem in Permanenz tagenden Reichstag ein eigener Sicherheitsausschuß eingesetzt, der in der Stallburg in Permanenz tagte und für die Wiederherstellung der Ruhe und Sicherheit der Stadt zu sorgen hatte 4). An der Spitze dieser zehngliedrigen Kommission stand Dr. Fischhof5). Hundert Jahre sind seit der Auflösung des Sicherheitsausschusses vergangen. Das Urteil der Geschichte über ihn ist, soweit es in Gesamtdarstellungen der Wiener Revolution zum Ausdruck kommt, heute noch stark umstritten. Warum ? Die kurze Skizze seiner Geschichte, seines Wirkens und Wollens, aber auch seiner Vorgeschichte und der Versuche seiner Reaktivierung kann die Antwort darauf geben. Die Beweggründe, die zu seiner Gründung führten, waren zu verschiedener Natur, als daß er hätte alle befriedigen können. Die einen, die Konservativen, wollten in ihm den Hort für die Erhaltung der Ordnung und Sicherheit sehen, die anderen, die fortschrittlichen Elemente, den Garanten für die Freiheit und die Errungenschaften der Revolution, einen Vermittler zwischen Volk und Regierung. Die Radikalen waren auch damit nicht zufrieden. Sie erhofften, durch den Sicherheits­ausschuß das zu erreichen, was sie auf legalem Wege durch eine durch Zensus beschränkte Wahl in die Volksvertretungen nie erreichen konnten. Nicht Vermittler, sondern Kontrolle x) Staatsarchiv, Protokolle des Sicherheitsausschusses vom 24. August. 2) Reschauer H., a. a. O., 11/495. 3) Molisch P., a. a. O., S. 118; Violand E., a. a. O., S. 78; Auerbach B., Tagebuch aus Wien. Breslau 1849, S. 13; Weiss K., Die Oktobertage Wiens. Leipzig 1848, S. 59. 4) Traube H., a. a. O. 5) Charmatz R., Adolf Fischhof, a. a. O., S. 83.

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