Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 42. Karl Eder (Graz): Bernhard Raupach (16821745). Ein Beitrag zur Historiographie der österreichischen Reformationsgeschichtc
Bernhard Raupach (1682—1745). 719 konnte sich schon in Damshagen an die Ausarbeitung machen. In Hamburg zwangen ihn die Amtsgeschäfte, seine Arbeit zunächst beiseite zu legen. Als er wieder Luft bekam, setzte er den Briefwechsel fort und vollendete 1731 den ersten Band. Wesentlich war, daß er in dem bekannten Polyhistor Johannes Albert Fabricius einen großen Gönner und Freund gewann1). Zu den Förderen seiner Arbeit zählten außerdem: D. Jakob Wilhelm Feuerlein, General-Superintendent in Göttingen, D. Joachim Operin und D. Magnus Cruse, beide Professoren der Theologie in Göttingen, D. Valentin Ernst Löscher in Dresden, Superintendent Lerch zu Neustadt an der Aisch und Pastor Schelhorn in Memmingen. Bereits verstorbene Helfer waren Dr. Ernst Salomon Cyprian in Gotha, Inspektor Scharf in Schweidnitz, Superintendent Rieger in Stuttgart, Propst Arend in Tondern und Pastor Ritter in Frankfurt a. M. Über die zum ersten Band benützten Quellen spricht sich Raupach (S. 43) selbst aus. Er bedauert vor allem, daß er die von dem berühmten Benediktiner Pez in seinem Katalog der Garstner Kodizes erwähnten Kommentare des Wolfgang Lindner über die anläßlich der Religionsänderung entstandenen Wirren nicht zur Hand hatte. Wenn er allerdings meint, daß diese Kommentare wohl schwerlich je zum Vorschein kommen möchten, so irrt er. Sie sind mittlerweile veröffentlicht worden 2). Über Ferdinand I. konnte er verschiedene Skribenten, über Maximilian II., besonders über die Religions-Assekuration, die Briefe eines Cythräus, Camerarius, Lyserus und anderer berühmter Männer benützen. Zutreffend hebt Raupach dabei den Wert solcher Briefe zur Erläuterung der Reformationsgeschichte überhaupt hervor. Über Rudolf II., Matthias und Ferdinand II. zieht er Khevenhüllers Annalen rühmend an. Obgleich ihn die Mund- und Schreibart, wie diese Religionshändel vorgetragen werden, stört, ist er über dieses Werk voll des Lobes. Die Bedenken wegen des katholischen Bekenntnisses des Grafen zerstreut er mit dem Hinweis, daß zwar auch er einen unparteiischen Skribenten von evangelischer Seite zwecks Konfrontierung gewünscht hätte, besonders über die anläßlich der „papistischen Reformation“ an manchen Orten entstandenen Empörungen. Da aber die Erzählungen des Grafen ohne Bitterkeit nur die Sache, wie sie sich zutrug, „ordentlich und einfältig“ darstellen, läßt man sie solange gelten, bis man durch andere Urkunden eines Besseren überführt wird. Raupach steht bei seiner Niederschrift unter dem Eindruck der Salzburger Emigration 3) und meint, man sei an römisch-katholischen Orten geneigt, die unschuldigen Bekenner des Evangeliums der Sedition und Rebellion gegen ihre Obrigkeit zu beschuldigen. Zutreffend hebt er jedoch hervor, daß sich in den Annalen manche Auslassungen finden, und läßt es unentschieden, ob dies absichtlich oder versehentlich geschehen ist. Trotzdem seien sie ein für das „Evangelische Österreich“ höchst nützliches, ja unentbehrliches Werk. In der Anlage bekennt sich der Verfasser zum chronologischen Prinzip, das er als das natürlichste und einfachste bezeichnet (S. 46). In der Schreibweise war Mäßigung, in der Auffassung Unparteilichkeit sein Ziel. Er wollte in der Erzählung weder den Lutheranern, noch den Katholiken das Wort reden, sondern dem Leser nur ganz einfach die Wahrheit vorlegen, ohne Parteilichkeit und Anzüglichkeit. Er ersucht die Kenner der Reformationsgeschichte um die Mitteilung von Versehen und erklärt es als Frucht seiner Arbeit, wenn sich Forscher eingehender um die österreichische Reformationsgeschichte bemühen. Die achtundsechzig Kapitel und die zwölf Beilagen zeigen zwar den lutherischen Standpunkt des Verfassers, lassen aber auch seinen Sinn für Gründlichkeit und Kritik, sowie das 1) Vgl. K. D. Möller, Johann Albert Fabricius. 1668—1736. Zeitschr. des Vereins für Hamburgische Geschichte 36 (1937), 1—64. 2) K. Schiffmann, Die Annalen (1590—1622) des Wolfgang Lindner. Archiv für die Geschichte der Diözese Linz, 6. und 7. Jahrg. (1910). 3) Auf das Emigrationsedikt des Erzb. Leopold Anton von Firmian vom 31. Oktober 1731 wanderten c. 22.000 Salzburger aus, davon c. 16.000 nach Preußen, andere nach Hannover, Holland und Nordamerika. H. Widmann, Geschichte Salzburgs 3 (1914) 384/435 und J. K. Mayr, Die Emigration der Salzburger Protestanten 1731/32 (1931).