Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 4. Anton Largiadér (Zürich): Schweizerisches Archivwesen. Ein Überblick

48 Largiadér, Jedes Verzeichnis wird im Doppel erstellt, das eine Stück verbleibt bei der zuständigen Gemeindebehörde, das andere Stück kommt ins Staatsarchiv. Der größte Teil dieser Inventare ist in den letzten Jahren neu bearbeitet worden und bietet ein ganz einzigartig dastehendes Material, wie es wohl kaum auf so kleinem Raum wieder zu finden ist. Durch regelmäßige Kontrollen des Staatsarchivs wird der Stand der Arbeit überprüft und verbessert. In diesem Falle ist die Kleinheit des Raumes (der Kanton Zürich hat 1.728 km2 Oberfläche und über 680.000 Einwohner) ein Vorteil, in dem eine mit den nötigen Befugnissen ausgestattete zentrale Stelle sofort und selbständig handeln kann. In normalen Jahren werden 80 bis 100 Archive geprüft, und in zehn bis elf Jahren ist der gesamte Bestand an Gemeindearchiven durchgearbeitet, worauf der Turnus wieder vorne beginnen kann. Der gute Zustand der Gemeindearchive im Kanton Zürich erhält auch seine Unterstützung durch das starke Inter­esse der Bevölkerung an der Heimatgeschichte. So sind die Gemeindearchive nicht nur Ver­waltungsstellen, sondern auch die Stätten der Forschung in Landesgeschichte. Hand in Hand mit der Ordnung der Gemeindearchive geht die Fürsorge für die alten Kirchenbücher. Der Kanton Zürich hat, wie beispielsweise auch die Kantone Waadt und Basel-Land, die Kirchen­bücher im Staatsarchiv vereinigt. Die Sammlung der Pfarrbücher und Familienregister zürcherischer Kirchgemeinden, die seit 1921 auf Grund freiwilliger Ablieferungen zustande gekommen ist, beläuft sich gegenwärtig auf 1900 Bände. Durch dieses Verfahren wird die familiengeschichtliche Forschung bedeutend erleichtert. Rechtlich gesehen, unterstehen im Kanton Zürich der Staatsaufsicht auch die Archive der Städte Zürich und Winterthur. Da aber an beiden Orten kommunale Archivverwaltungen mit eigenem Personal bestehen, beschränkt sich die Mitwirkung des Staatsarchivs auf einen gelegentlichen Meinungsaustausch oder auf Anleitungen. Das Stadtarchiv Zürich geht auf das Jahr 1803 zurück, da die Stadtgemeinde Zürich, vom Staate getrennt, zur besonderen Gemeinde erhoben und mit bisher staatlichen Ver­mögensbestandteilen ausgestattet wurde. Daraus erklärt es sich, daß nach dem Prinzip der Archivalienfolge auch bedeutende mittelalterliche Dokumente, sogar Kaiserurkunden bis ins 9. Jahrhundert zurück, in diesem Archiv zu finden sind. Durch zwei Eingemeindungen der Jahre 1893 und 1934 sind 19 Vorortsgemeinden mit der Stadt Zürich vereinigt worden und ihre Archive gingen ans Stadtarchiv über. Unter den kommunalen Archiven der Schweiz nimmt das Stadtarchiv Zürich in bezug auf Leistungsfähigkeit und Organisation zweifellos eine der ersten Stellen ein x). Das Stadtarchiv Winterthur besitzt Bestände, die bis in die Hohenstaufenzeit zurück­gehen; am Anfang steht eine Urkunde vom Jahre 1180, durch welche der Bischof von Konstanz einen Streit um das Filialverhältnis der Kapelle Niederwinterthur zur Mutterkirche Oberwinterthur beilegte. Daran schließt sich ein reiches Archiv an Urkunden, Akten und Büchern bis zur Gegenwart. In den Dokumenten hat die Tatsache, daß Winterthur 1415 bis 1442 Reichsstadt war, ihren Niederschlag gefunden. Seit 1467 wurde die Stadt infolge Ver­pfändung durch Herzog Sigmund von Österreich Bestandteil des zürcherischen Territoriums und wurde immer stärker der zürcherischen Landeshoheit unterstellt. Das Winterthurer Stadtarchiv besitzt infolge seiner langjährigen Zugehörigkeit zum österreichischen Herzogs­hause zahlreiche Habsburger Urkunden, es hat ferner im Jahre 1922 infolge einer Ein­gemeindung fünf ländliche Gemeindearchive übernommen. Als besonders bedeutende Stadtarchive dürfen neben den genannten noch erwähnt werden: St. Gallen, Rapperswil, Lausanne, Neuenburg, Chur und Bern. Dazu gesellen sich die etwas kleineren, aber geschichtlich sehr bedeutenden Archive der Landstädte der *) *) Theodor Usteri, Das Archiv der Stadt Zürich 1798—1900, Zürich 1900. — Leo Weisz, 25 Jahre Stadtarchiv Zürich. In: Zürcher Monats-Chronik, 3. Jahrgang, Seon-Winterthur 1934, S. 271—274. (Der Artikel erinnert an die Tatsache, daß das Stadtarchiv Zürich seit 1909 durch einen besonderen Archivleiter verwaltet worden war.) — Eugen Hermann, Züricher Wappenbücher, III. Die Wappenbücher des Stadt­archivs Zürich. In: Schweizer Archiv für Heraldik, 57. Bd., Basel 1943, S. 69—70.

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