Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 26. Willibrord Neumüller und Kurt Holter (Kremsmünster): Kremsmünsterer Briefe aus der Zeit des Interregnums

Kremsmünsterer Briefe. 415 damit wenigstens einen Teil auf unsere Zeit gerettet hat. Es soll hier ergänzend vermerkt werden, daß vor allem der alte Bestand der Kremsmünsterer Handschriften in dieser Richtung ergiebig war, da diejenigen, denen die Fragmente entnommen wurden, durchwegs spätestens aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammen und somit im 14. Jahrhundert schon erneuerungsbedürftig gewesen sein werden. Die einzige Ausnahme bilden die Einbände der großen Bibel aus der Zeit Friedrichs von Aich, in denen bei der Anfertigung des jetzigen Einbandes vereinzelte Briefe als Unterklebung verwendet worden sind. Vereinzelte fremde Stücke mögen auch später mit anderswo gefertigten Bucheinbänden in die Bibliothek gekommen sein. Es fragt sich nunmehr, woher die große Masse von Pergamentstücken damals in die Buchbinderei gekommen ist. Wir wissen aus der Bibliotheksgeschichte, daß von damals an, bis tief ins 16. Jahrhundert herein, ja bis in die Hochblüte der Barockzeit viele alte Handschriften demselben Zweck geopfert wurden, wenn man sie als überholt erachtete, und dürfen etwas Ähnliches auch hier vermuten. Wir müssen also annehmen, daß man damals der Buchbinderwerkstätte für Restaurierungszwecke eine Registratur zur Verfügung stellte, für die kein Interesse mehr bestand. Nach dem, was wir heute davon besitzen, dürfen wir annehmen, daß diese Registratur etwa mit dem 13. Jahrhundert begonnen wurde und ihre laufende Fortsetzung fand, bis sie, etwa mit dem Ende der Regierungszeit des Abtes Friedrich von Aich, außer Gebrauch kam. Denn aus einem späteren Zeitraum kann eine ähnlich geschlossene Fülle nicht mehr festgestellt werden. Ob das Archiv des Hertwik von Schlüsselberg dabei eine besondere Rolle spielte, wird an seinem Orte zu erörtern sein. Während die Registratur zweifellos mehrere Stücke von der Hand des „Bernardus Noricus“ enthalten hat, ist es nicht wahrscheinlich, daß ihm diese Bestände für seine Forschungen zur Verfügung gestanden sind. Denn es ist kaum anders erklärbar, daß von den Fakten, die wir nur hieraus erfahren, z. B. von der Usurpation von Klaus durch Tröstei von Zierberg, wobei ganz bestimmt auch Kremsmünsterer Interessen getroffen wurden, den Ketzern in Fischen, den Details zu dem Weißkirchener und Vorchdorfer Kirchenstreit, bei ihm nirgends in diesem Sinne die Rede ist. Auch wenn man annimmt, daß er den Passauer Dekan Albertus Bohemus als Quelle für seine Geschichtschreibung benützt hat, ist nicht anzunehmen, daß der so sehr schreibbeflissene Mann aus Rücksicht auf jenen diese Dinge verschwiegen hätte. Vielleicht kann man aus dieser Beobachtung schließen, daß die Registratur schon zu seinen Zeiten kein besonderes Ansehen genossen hat oder ihr Großteil überhaupt unbeachtet in einem Winkel gelegen ist. Daß sie zur Zeit ihrer Auflösung und Verwendung in der Buch­binderei noch ziemlich unberührt war, sieht man daraus, daß ihre Bestände verhältnismäßig geordnet zur Verwendung gelangt sind, da z. B. der hier veröffentlichte Bestand mit einer einzigen Ausnahme in anderen Handschriften verwendet war als der Bestand aus der Zeit des Abtes Friedrich. Wir werden auch dann noch berechtigterweise an eine Registratur denken dürfen, in der eingehende Originale und ausgehende Konzepte vereinigt waren, wenn wir als Ausnahme beobachten, daß die Abschrift oder Kopie eines Briefes des Abtes Berthold an den Abt von Melk in den Zwischenraum eines Textes aus dem 12. Jahrhundert eingetragen ist, ein Beispiel, das wegen seiner Bruchstückhaftigkeit nicht veröffentlicht werden kann und in seiner Vereinzelung keineswegs den Schluß auf eine planmäßige Sammlung von Brieftexten erlaubt. Es müssen nun, nachdem Entstehung und Geschichte der Briefsammlung in ihren Umrissen geklärt sind — denn in der Zwischenzeit gehören ihre Schicksale mit denen der sie bergenden Codices der Kremsmünsterer Bibliotheksgeschichte an —, noch einige Beob­achtungen zusammenfassend festgehalten werden. Die Briefe verwenden durchwegs die lateinische Sprache. Die einzige Ausnahme (Nr. 38) ist in ihrem Zweck keineswegs geklärt oder ohne weiteres erklärbar. Auffallend ist weiter die außerordentliche Verschiedenheit der Schriften, die schon in diesem Zeitraum so viele persönliche Eigenheiten zeigen, daß ein Graphologe daran seine Freude haben könnte. Es gilt dies, da ja fast durchwegs mehr oder minder kursive Schriften vorliegen, wohl nur für einen bestimmten Bereich der Schrift­

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