Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 24. Geoffrey Barraclough (Liverpool): Briefe aus dem Reiche und andere Mitteilungen aus englischen Landesarchiven
Briefe aus dem Reiche. 393 möglich, die archivalischen Einrichtungen in den Grafschaften den lokalen Erfordernissen anzupassen, anstatt ein von oben, d. h. von London her auferlegtes Schema auszuführen. In diesem Zusammenhang möchte man auch des treffenden Urteils des unter dem Vorsitz des hervorragenden Historikers James Bryce tagenden Ausschusses von 1899 gedenken, der eine nach französischem Muster eingeführte Zentralisation mit der Begründung abgelehnt hat, daß die Fortführung und Ausbildung der hergebrachten unter gemeinschaftlicher Aufsicht stehenden Archivstellen auch deswegen zu empfehlen seien, weil auf diese Weise sowohl das Gefühl für die Kontinuität des Gemeindelebens als das Verständnis der entsprechenden Einrichtungen der lokalen Selbstverwaltung befördert und verstärkt werden dürfte 1). Daß dieser Grundsatz bei den Sachkundigen seine Geltung auch heute noch behalten hat, darf man annehmen. Obwohl also wieder seit 1943 die Möglichkeit einer Systematisierung und zugleich Zentralisierung des englischen Archivwesens erörtert worden ist, wird man wohl mit dem Fortbestehen des bewährten Zustandes rechnen dürfen, wonach jeder Grafschaftsoder Stadtarchivar in seinem Wirkungskreis dem Deputy Keeper of the Public Records gleichgestellt und nicht untergeordnet ist, und nicht dem Staat, d. h. einem vom Public Record Office in London angestellten Inspektorát, sondern den Lokalbehörden verantwortlich bleiben wird. Hat es zur Zeit der beiden 1899 und 1910 eingesetzten Kommissionen immer noch gewichtige Gründe gegeben, eine straffere Organisation des Archivwesens in England zu befürworten, so ist dies heute nicht mehr der Fall. Gerade seit dem Erscheinen des letzten Kommissionsberichtes im Jahre 1919 sind die Landes- und städtischen Verwaltungen den ihnen obliegenden Pflichten der Aufbewahrung usw. eifrig nachgekommen, so daß es heute kaum noch eine Grafschaft gibt, wo nicht die Archivalien unter sachverständiger Aufsicht stehen. Als erste haben die Behörden der Grafschaft Bedford auf Veranlassung G. H. Fowlers schon im Jahre 1923 ein Grafschaftsarchiv (County Record Office) eingerichtet. Diesem Beispiel sind dann mehrere Grafschaften, z. B. Essex (1938), nachgefolgt. Entscheidenden Fortschritt brachte aber erst der Kriegsausbruch mit sich, der alle Behörden sofort vor die Aufgabe stellte, ihre Archivalien durch sachkundige Kräfte zu sichten und in sichere Aufbewahrung zu bringen. Seitdem sind bei den meisten Grafschaften, so z. B. Lancashire (1940), sowie bei vielen Städten modern eingerichtete Archive aufgestellt worden, so daß man wohl nicht mit Unrecht von einer seit 1939 eingetretenen Revolution im englischen Archivwesen sprechen darf, die schon auf die Richtung der historischen Studien wirkt, indem sie die Forschung von den relativ viel bearbeiteten Archivalien der Zentralverwaltung auf die unausgeschöpften Quellen der Lokalgeschichte lenkt. Insbesonders durch die nunmehr beginnende Veröffentlichung von Inventaren, Listen und Regesten2), die eine bislang fehlende Einsicht in die Schätze der Landesarchive ermöglicht, wird die Bearbeitung der neu erschlossenen Quellen nun erst planmäßig Vorgehen können; denn gerade die in den letzten Nachkriegsjahren erschienenen Bestandsübersichten (Guides) der Grafschaftsarchive Essex3), Somerset4) und Lancashire5) haben eine kaum vermutete Fülle von Quellen ans Licht gebracht, deren Bedeutung weit über die Grenzen der Lokalgeschichtsforschung hinausgeht. x) Report of the Committee to Enquire as to the existing Arrangements for the Collection and Custody of Local Records (London 1902), 51: „the scheme we suggest may ultimately and indirectly tend to foster among the members of the community a stronger sense of the continuity of its corporate life and give the institutions through which that life is expressed a further claim upon their interest and sympathy.“ 2) Das ältere Werk von H. Hall, A Repertory of British Archives I (London 1920), ist imbrauchbar. 3) Guide to the Essex Record Office, I. Essex Quarter Sessions and other Official Records, II. Estate, Ecclesiastical and other Deposited Archives, mit insgesamt 62 Faksimiles, herausgegeben von F. G.Emmison (Chelmsford 1946, 1948). 4) Interim Handlist of Somerset Quarter Sessions Documents and other Official Records (Taunton 1947). s) Guide to the Lancashire Record Office, herausgegeben von R. Sharpe France (Preston 1948).