Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 23. Hanns Leo Mikoletzky (Wien): Zur Charakteristik Bruns von Querfurt

388 Mikoletzky, er verwirft den Krieg als Mittel zum Zweck und steht auf und sagt dem König, der sich mit den Liutizen gegen die Polen verband und sich bestimmt nicht viel kümmerte, ob sie ihr äußerliches Christentum bewahrten oder nicht1), seine Meinung, wie er sie wohl schon früher, vielleicht allgemeiner betont, Umrissen hat: ,,bonumne est persequi christianum et habere in amicitia populum paganum ? ... non credis peccatum, o rex 1 ... o quam vellem, non hostem set habere fidelem, de quo dico, seniorem Boleszlavum!“ ,,non est, quo timeat rex, religionis homo memor malorum iungat se paganis“2). Boleslaw denkt nicht an so etwas3), dafür aber möge der König, so betet Brun, ,,zu einem noch besseren Herrscher“ werden. Und dann spricht wieder jener Kläger aus ihm, der gleich vielen Revolutionären Umwälzung fordert, nicht weil er dem Stand entstammt, dem er ihre Vorteile zudenkt, sondern im Gegenteil, weil er aus einer Schichte kommt, der sie unerwünscht ist. Er ist kein Beharrender: nicht der Herzogstitel kettet ihn an Boleslaw, den er übrigens häufig nur beim Vornamen nennt, sondern das Mitgefühl für den seiner Ansicht nach Verfolgten und für die Seinen. Damit zieht er jedoch als Partner, der gleicher Berücksichtigung würdig ist, einen Faktor ans Licht, der bis nun irgendwie unbeachtet im Schatten der Großen, geringster Hand­langer, dahingelebt hatte: das Volk. Es dünkt ihm besser, wenn der König barmherzig wäre, es sei nicht gut, ,,omnia facere cum potestate, nunquam cum misericordia“. ,,Du müßtest trachten“, ruft er, ,,plus beneficio quam bello populum acquirere et, qui nunc in tribus partibus, tunc nec in una parte bellum haberes“4). Recht höhnisch schließt er endlich die Betrachtung: ,,set hoc quid ad nos ? videat haec in sua sapientia iusti et boni tenax rex, videant et in dando consilio optimus quisque episcopus, comes et dux“. Zu den realeren Bedingtheiten zurückkehrend, gibt er nun auch ehrlich und ausdrück­lich einen der dringendsten Gründe für sein Schreiben an, nicht die idealen, die mag man allein herausfühlen, aber den kleinen, alltäglichen und deshalb wohl peinlicheren: neben der Tatsache, daß es wichtiger wäre, sich um das Seelenheil der Liutizen zu kümmern, als sich mit ihnen zu verbünden, betont er nämlich folgendes: „senior Bolezlavo, qui viribus animi et corporis consolari me ad convertendos Pruzos libentissime voluit et nulli pecuniae ad hoc parcere decrevit, ecce inpeditus bello, quod sapiens rex pro necessitate dedit, iuvare me in evangelio nec vacat nec valet“5 6). Selten hat vor Wazo von Lüttich ein Diener Gottes seinem Herrscher die Wahrheit bitterer gesagt als Brun von Querfurt es hier tut: der ganze x) Vgl. Brun, Passio s. Adalberti c. 10 (MG. SS. IV. 598): cum quo errore adhuc laborant. Auch Thietm. VI. 23 f.; VII. 64 (MG. SS. n. s. 9: 302, 476f). Vgl. Giesebrecht, Kaiserzeit, II., S. 37, auch Heinrich Günter: Kaiser Heinrich II. und Bamberg. (In: Historisches Jahrbuch 59. 1939), S. 290, bes. aber Robert Holtzmann: Geschichte der sächsischen Kaiserzeit. München 1941, S. 403, 405, 427, 429. 2) Brief (Giesebrecht II., S. 705). Die Stelle: non est, quod timeat rex, religionis homo memor malorum iungat se paganis, ist nicht ganz eindeutig und läßt sich auch, je nachdem, wo man den Beistrich annimmt, so auffassen: es liegt kein Grund zur Befürchtung vor, der König, der Hort der Religion, könnte sich eingedenk böser Erfahrungen mit den Heiden verbinden. 3) Vgl. aber bes. Thietm. VI. 24 (MG. SS. n.s. 9,303): ... de Liuticis et ab hiis, qui a civitate magna Livilni dicta missi fuerant, et a Iaremiro duce, Bolizlavonem multa sibi contraria molyri cupientem asserebant, seque ad haec perficienda verbis ac pecunia ad eodem introduci affirmabant .... 4) Brief (Giesebrecht II., S. 704). Wenn Voigt S. 122 schreibt: „Indem Brun auf drei Kriegsschau­plätze in seinem Brief anspielt .. . setzt er neben dem polnischen und lothringischen Kriege den Abfall von Heinrichs II. Schwager, Herzog Heinrich von Bayern, voraus, der erst November 1008 erfolgt ist“ (ähnlich auch Hirsch II., S. 271), was die Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung in jener Zeit überschätzen heißt. Der Brief dürfte demnach doch nicht im Dezember 1008, sondern erst etwa im Jänner 1009 geschrieben worden sein, obwohl bei dieser Annahme wieder die Unsicherheit, die in der Bitte um Bei­stand : vos vero, quicquid in Liuticis et Pruzis convertendis consilii vel auxilii potestis dare ... nolite cessare (Brief, Giesebrecht II., S. 705) liegt, den eindeutigen Entschluß zur Abreise in eine bestimmte Richtung, der damals schon hätte gefaßt sein müssen, trotz „ego autem nunc flecto ad Pruzos“ (S. 703) irgendwie zweifelhaft macht, falls die Fahrt nicht sehr überstürzt und unvermutet angetreten wurde. Vgl. auch Voigt S. 289/A. 514, wo er an Polen, Lothringen und Italien bei den drei Kriegsschauplätzen zu denken versucht ist. Doch ist meiner Meinung nach Italien nicht als Kriegsschauplatz zu bezeichnen. 6) Brief (Giesebrecht II., S. 704).

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