Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 23. Hanns Leo Mikoletzky (Wien): Zur Charakteristik Bruns von Querfurt

Zur Charakteriétik Brune v. Querfurt. 385 an den Papst, die Verkörperung1), sondern an Petrus, die Idee seiner Religion. Das Uni­versalistische, dem er zum erstenmal begegnet, erfaßt ihn ganz: der Zug nach Polen, dem die Loslösung Gnesens aus dem deutschen Diözesanverband und der Verzicht des Kaisers auf seine Investiturrechte den nationalen Charakter der früheren ottonischen Kolonisationarbeit nehmen und dafür den Schimmer einer Sendung an sich ohne weltliche Interessen ver­leihen, das Übergreifen nach Ungarn, Dalmatien, Spanien, Rußland geben ihm Anregungen, die sich schließlich zu einer seltenen Erfülltheit steigern werden. Aber der Bruch in Otto enttäuscht ihn, das Halbe und Verzettelnde stößt ihn ab. Man hört bald von des Kaisers krankhaftem Willen und daß er „contra sanctum Petrum multum peccavit“2). „Non dedit honorem Deo et ... eius precioso apostolo Petro“ und obwohl Rom „a Deo datum apostolorum domicilium erat“, beabsichtigte er selbst, in dieser Stadt zu residieren3). Wenn auch der Mönch dem Kaiser sichtlich nahestand, der ihn „Anima mea“ zu nennen pflegte4), und der Nachruf, den er ihm hält, in seiner Zwiespältigkeit ein ergreifendes menschliches Dokument darstellt, bleibt er doch allerorten konsequent und hart in seinem Urteil über ihn und stellt sogar fest: Otto III. habe „contra honorem boni imperatoris et bonum differendo perdidit et malum, irritatus opere, sola cogitatione adimplevit“ und vor allem sei sein Sinn gleich dem „in illis potestatibus“ gewesen, denen alles „quibus libet licet — vel potius hoc putare licere quod non licet“5) — eine soziale Anklage, die erstmalig den Klassenunterschied deut­lich als neue Figur auf das Spielfeld des 11. Jahrhunderts stellt, jenes Jahrhunderts, an dessen Profil auch die Patarener und Katharer mitgearbeitet haben. Nicht umsonst wird der bedenkenlose Ausspruch des jungen Kaisers: „Ex hac hora promitto Deo et sanctis eius: post tres annos, intra quos imperii mei errata corrigam, meliori me regnum dimittam et, expensa pecunia, quam mihi mater pro hereditate reliquit, tota anima nudus sequar Christum6)“ noch zweimal erwähnt7) und werden die Beispiele des Johannes Gradenigo und des Pietro Orseolo8) herangezogen, um zu zeigen, wie man es machen müßte, wenn die Vor­rechte der Geburt zur Formung eines vorzüglichen Herrschers nicht ausreichten: es handelt sich für Brun keineswegs um Abdankung zugunsten eines etwaigen künftigen Sohnes oder eines Verwandten9), sondern Otto betont bei ihm ausdrücklich „meliori meo“: „einem, der besser ist als ich“, will ich weichen .... Das ist Geist von des Querfurters Geist, mag der Entschluß, Mönch zu werden, von dem Kaiser auch in einer seiner Stimmungen geäußert worden sein: denn was es für eine Bewandtnis mit der so oft erwähnten Schuld des Jünglings hatte, kommt nirgends eindeutig zum Ausdruck10). Jedenfalls hätten seine Bemühungen um die Wiederherstellung des Bistums Merseburg11), an dessen Untergang sich Bruns Urteil über seinen Vater angeblich so geschärft hatte, genügen können, ihn reinzuwaschen. Aber der Mönch war mittlerweile eben härter und strenger geworden. Seine wahrscheinlich trüben Erfahrungen am Hof König Stephans von Ungarn12), der ihm vielleicht Slawen und Italiener 1) Obwohl sich an Gregor V. selbst ein so königstreuer Mann wie Abbo von Fleury mit den Worten: „unum vestre Maiestati persuadeo“ (Abbon. ep. 3 bei Bouquet X. 436) wendet. Ähnlich übrigens schon Karl der Kahle an Nikolaus I., — was vielleicht nicht unbezeichnend für die Persönlichkeit beider Männer ist —, „ante conspectum maiestatis vestre“ (Bouquet VII. 559). 2) Brun. Passio c. 3 (MG. SS. XV/2. 720). 3) Ebenda, c. 7 (722). 4) Vita s. Romualdi c. 27 (Migne 144. 977). 6) Brun. Passio c. 7 (MG. SS. XV/2. 723). ®) Ebenda c. 2 (719). 7) Ebenda, c. 3, c. 9 (720, 725). Vgl. auch Vita s. Romualdi c. 30 (Migne 144. 982). 8) Brun. Passio c. 2 (MG. SS. XV/2. 717). Vgl. dazu Karl Uhlirz: Jahrbücher Ottos II., S. 192f. ®) Voigt, S. 251/A. 294 denkt an Heinrich von Bayern. 10) Brun. Passio c. 7 (MG. SS. XV/2. 722). Vgl. Vita s. Romualdi c. 25, c. 30 (Migne 144. 976, 982). u) Thietm. IV. 28 (MG. SS. n. s. 9, 165) und Jaffé-L. I, S. 494. 12) Vgl. Brun. Passio s. Adalberti c. 23 (MG. SS. IV. 607). 25

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