Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 23. Hanns Leo Mikoletzky (Wien): Zur Charakteristik Bruns von Querfurt

Zur Charakteristik Bruns von Querfurt. 381 seinen Gott und das von ihm als gut Begriffene, kein großer, aber ein bedeutender und auf­nahmefähiger Mensch hatte den Kelch des Ertragbaren geleert. Seine Anfänge waren noch in das höfischere Kleid der Cluniazenser gehüllt, denen das Anachoretendasein doch wohl allein als Sondervergünstigung für Einzelgänger, abhängig von der Bewilligung des Abtes1), genehm war. Aufgebaut auf der individuellen Ekstase und der im Grund ebenso steril betonten Sehnsucht nach dem Opfertod, die in den Schauern um die Jahrtausend wende neu belebt wurden und in der Gewißheit einer förmlich selbsttätig erfolgenden Heiligung2) eine sonderbar subjektive und ausschließliche Befriedigung fanden, bot die Fruchtbarkeit des Eremitentums dem Zug ins Große, der den französischen Reformern schon früh eignete, zu wenig Nahrung: die Ergebnisse lohnten nicht recht. Dagegen widmeten die Neuerer in Oberlothringen, separatistisch gefärbte oder gar erst später oktroyierte Zweige des Hauptstammes, der mehr kontemplativen als aktiven Einzelpersön­lichkeit größere Beachtung: hier war man dem Einfluß Italiens zugänglicher, man duldete die Verpflanzung der dort bodenständigeren Askese und war vor allem in gewissem Sinn nicht exklusiv und eher volkstümlich. Männer des Bauernstandes und insbesondere des niederen Klerus betätigten sich hier intensivst, ein Zug, den schon Romuald und die Seinen auf­gegriffen hatten, indem sie die vom griechischen Mönchstum beeinflußte Einrichtung der famuli, der dienenden Laienbrüder, zur Nahebringung ihrer Ziele stark heranzogen3). Romuald selbst, der trotz seiner hohen Abkunft und seinem Stand erst spät lesen lernte4), hatte auch ursprünglich in der Zeit, da er Mönch in dem von Maiolus reformierten Kloster S. Apollinare in Classe bei Ravenna5) gewesen war, mit der Mutterreform in engerer Ver­bindung gestanden und war ihr erst später etwas entrückt worden. Vielleicht stieß ihn die allzu große Nähe der Herrschenden ab, deren Beichtgeheimnis er sicher teilte6) und die mit ihren Sorgen stets zu ihm kamen, vielleicht sah er sie nicht gerne so nackt, obwohl manchmal, wie in Ravenna 1001, auch Männer gleich Abt Odilo von Cluny um Otto III. versammelt waren 7); jedenfalls war der Weg seines Schülers Brun dem seinen ähnlich. Und wenn dieser zwar noch 1004 zu Querfurt eine neue Burgkirche erbauen läßt und sie ganz im Sinne Clunys, das dem Marienkult besonderes Augenmerk zuwendete8), der Jung­frau Maria und den Apostelfürsten weiht9), so gleitet auch er, übrigens weitaus realer und weniger meditativ veranlagt als Rnmuald, allmählich dennoch in das Fahrwasser jener streit­baren kanonistischen Männer, die nachmals Heinrich III. das Leben sauer machen sollten10). Es können nicht die saceularia negotia11) gewesen sein, die Brun angewidert haben, denn er *) Vgl. Sulpitii Severi Dialog. I. 10 (Migne 20. 190). Auch Vita s. Romualdi c. 4, bes. c. 24 (Migne 144. 958, 974) und Regula s. Benedicti (ed. Woelfflin, Bibi, script, graec. et rom. Lips. 1895), c. 49: cum voluntate abbatis omnia agenda sunt. Vgl. auch c. 73 und Franke S. 115. Über die Quellen des Stufenverhältnisses vom Mönchs- und Einsiedlerleben vgl. Voigt, S. 384/A. 9. 2) Man vergleiche die Kanonisation des am 23. April 997 getöteten Adalbert im April 998 und bes. Brun. Passio c. 21 (MG. SS. XV/2. 735). 3) Vgl. Vita s. Romualdi c. 64, 69 (Migne 144.1002, 1006) und Brun. Passio c. 13 (MG. SS. XV/2. 732). Bes. auch Karl Holl: Enthusiasmus und Bußgewalt beim griechischen Mönchstum. Leipzig 1898. S. 202 ff., hier auch S. 200 ff. über die [uxpóo^Yjjxot. 4) Vita s. Romualdi c. 4 (Migne 144. 959). 5) Vita s. Maioli auctore Syro II. 23 (MG. SS. IV. 651). ®) Vgl. Brun. Passio c. 3 (MG. SS. XV/2. 720): ubi est nobile decretum et in confessione Christi absconditum consilium .... Auch Voigt, S. 46. 7) Vgl. D. O. III.: 396. 8) Vgl. Brim. Passio s. Adalberti c. 2, wo er Maria sogar „bona semper angelorum imperatrix augusta“ nennt, und c. 18 (MG. SS. IV. 596, 605). ®) \ gl. H. Holstein: Zur Geschichte des Kollegiatstifts B. Mariae Virginis et S. Brunonis zu Querfurt. (In: Zeitschrift des Harzvereins. IV. 1871), S. 95: Statuta ecclesie B. Virginis Marie in castro Querforrt. 10) Vgl. Anselm. Gesta epp. Leodiensium II. 58 u. a. O. (MG. SS. VII. 224 usw.). Auch MG. Lib. de lite I. 8—14. n) Brun. Passio c. 10 (MG. SS. XV/2. 726). Vita s. Romualdi c. 28 (Migne 144. 979).

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