Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 21. Ivan Dujcev (Sofia): Die „Responsa Nicolai I papae ad consulta Bulgarorum“ als Quelle für die bulgarische Geschichte
Responsa Nicolai I. Papae ad Consulta Bulgarorum. 359 bar, daß hinter denselben sich der Wunsch verhüllt, einen eigenen Patriarchen, als Vertreter der soeben gegründeten bulgarischen Kirche, zu bekommen. Nach einer unbegründeten Vermutung1) strebte der bulgarische Herrscher schon zu dieser Zeit darnach, die Patriarchenwürde als das Kirchenhaupt seines Landes zu bekommen. Diese Vermutung ist leider keineswegs überzeugend. Es ist unleugbar, daß Fürst Boris wirklich nach der kirchlichen und staatlichen Unabhängigkeit seines Staates strebte. Er wollte aber dieses Ziel durch die Herstellung seiner Beziehungen mit der römischen Kirche, nicht durch die Gründung eines eigenen Patriarchats erreichen. Durfte also der Herrscher eines Landes, das nur ein Jahr zuvor zum Christentum bekehrt war, von der Patriarchenwürde träumen ? Im damaligen Bulgarien gab es nicht genügend Priester für die Leistung aller notwendigen kirchlichen Dienste, gab es keine einheimische, bulgarisch sprechende Geistlichkeit — eine solche mußte kaum einige Dezennien später auftreten — und die byzantinischen Priester predigten und dienten nur in griechischer Sprache. Ihre Zahl für das weite, neubekehrte Land war ungenügend. Es ist fraglich, ob damals in Bulgarien eine richtige kirchliche Organisation mit einem Bischof und noch weniger mit einem Erzbischof existierte. Zunächst war es nötig, diese kirchliche Organisation aufzubauen und erst dann an eine höhere geistliche Würde — an einen Patriarchen — zu denken. Boris, nicht nur ein „begabter Herrscher“2), war aber auch ein Realist. In Wirklichkeit hört man nach dieser Frage an den Papst Nikolaus I. während der ganzen Regierung des Fürsten Boris nichts von einem solchen Anspruch der Bulgaren. Dasselbe ist während der ersten Hälfte der Regierung Symeons (893—927) — also ein ganzes Halbjahrhundert nach der Bekehrung zum Christentum — zu beobachten. Und nur während der zweiten Periode der Regierung Symeons, d. h. in der Zeit des größten politischen und kulturellen Aufschwungs Bulgariens, stieg das Problem des bulgarischen Patriarchats in seinem wahren Sinn auf. Diese Annahme findet ihre Bestätigung in der späteren Entwicklung der Beziehungen zwischen dem Papst und den Bulgaren. Es ist der Beachtung wert, daß Nikolaus I. auf die Frage der bulgarischen Abgesandten vorsichtig, aber ganz verneinend erwiderte3): er könnte eine bestimmte Entscheidung noch nicht geben, bis ihm seine Legaten Bericht über die Menge der Christen in Bulgarien und ihre „unanimitas“ erstatten. Der Papst fügte aber hinzu, daß Bulgarien einen Bischof einstweilen haben sollte und je nach der Verbreitung des Christentums, wenn Bischöfe an besonderen Kirchen angeordnet würden, einer dieser Bischöfe ausgewählt würde und wenn nicht zum Patriarchen, doch zum Erzbischof erhoben werden würde (si non patriarcha, certe archiepiscopus appellandus sit). Trotzdem hatte diese päpstliche Verneinung keinen entscheidenden Einfluß auf die Beziehungen des Fürsten zu Rom gehabt. Im Gegenteil, Boris — augenscheinlich auf Grund der Erklärung des Papstes — hat sich später an den Papst mit der Bitte gewendet, daß der Bischof von Porto Formosa, der als päpstlicher Legat in Bulgarien tätig war, zum Erzbischof erhoben werden sollte4). Der Papst, der in der Hauptsache mit dem Fürsten einverstanden war, wollte aber die Erlaubnis für Formosa nicht erstatten. Er schickte nach Bulgarien neue katholische Geistliche und benachrichtigte den Fürsten, einen von diesen zu erwählen und ihn für die Konsekration als Erzbischof nach Rom zu schicken5). In der Mitte des Jahres 869 erlangte der Fürst Boris vom Papst Hadrianus II. (867—872), daß der Diakon Marinus oder einer der Kardinäle zum bulgarischen Erzbischof gewählt werde6). Der Papst *) Lapötre, ebenda, 54 ff.; Zlatarski, ebenda, 93 ff.; Dvornik, ebenda, 190 ff. 2) Pereis, ebenda, 160 ff. 3) R. 72 = P. 592, 27 ff. 4) Anastasii Bibliothecarii Vita Nicolai, ebenda, coli. 1375—1376, 11—12; vgl. Zlatarski, ebenda, 112; Dvornik, ebenda, 193 ff. 5) Anastasii Bibliothecarii Vita Nicolai, ebenda, coli. 1375—1376, 13—19; vgl. Zlatarski, ebenda, 113 und Anm. 3. ®) Anastasii Bibliothecarii Vita Nicolai, coli. 1393/4—1395/6, § 639: aut Marinum sibi bene compertum diaconum archiepiscopum consecratum remitteret, aut aliquem ex cardinalibus duntaxat suae Ecclesiae virum sapientia, persona vitaque archiepiscopatu dignissimum Bulgaris eligendum dirigeret,