Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

II. Paläographie und Diplomatik - 13. Karl Pivec (Wien): Paläographie des Mittelalters Handschriftenkunde der Neuzeit?

232 Pivec, bindung mit dem Buchstaben des Wortes gezogen. Besonders häufig sind die Wortendungen gekürzt durch Schlingen oder Schrägstrich. Das Schriftbild der eigenwilligen, steifen und umständlichen, nach links geneigten Schrift der court hand ist höchst charakteristisch und leicht zu erkennen. Der politische Zusammenhang eines großen Teiles Frankreichs mit England im 13. Jahr­hundert führte gelegentlich zu starken Angleichungen der beiden Schriften. Die Buchstaben a, r, s haben dann die Grundform der heutigen Kurrentschrift. Die französische Kultur­expansion auch im Schriftwesen ging natürlich nicht nur in die englischen Provinzen auf ihrem Boden, sondern auch in das übrige Europa, im 14. Jahrhundert bis nach Böhmen hinein, wo sie durch die französisch orientierten luxemburgischen Könige begünstigt wurde. Noch im 16. Jahrhundert, aber wesentlich später als in Frankreich oder Deutschland, dringt die Humanistenschrift auch nach England ein. Nur für kirchliche Texte wurde die alte Schreibart unbedingt beibehalten. Die Königin Elisabeth unterschrieb selbst in Humanistenkursive, ihre Kanzlei lernte den Gebrauch der Humanistenkursive bereits in den fünfziger Jahren wohl über italienische Schreibbücher kennen. Selbst die in Frankreich übliche financiére wurde in England auf dem Umwege über Holland aufgenommen. Gerichtsurkunden waren bis in das 18. Jahrhundert in der court hand geschrieben, wie sich denn England überhaupt schwer vom gotischen Schrifttyp getrennt hat. Im Zeitalter der Romantik gab es mit dem allgemeinen Mittelalterkult auch einen neu­gotischen Schriftkreis, dessen Richtung zu der kunsthistorischen Erscheinung der Neu­gotik in Parallele zu stellen ist. Vor allem hütete aber die Geistlichkeit die gotische Tradition des black letter. Die Schreibmeisterbücher Englands aus der Mitte des 17. Jahrhundert stehen der damaligen kulturellen Situation Europas entsprechend stark unter französischem Einfluß. Richard Gething (London 1645) kopierte Materot, Davies of Hereford (London 1648) ein anderes französisches Schriftbuch, Edward Cocker (London 1660) liebte die dichten ver­schlungenen Umrahmungen der Franzosen und Italiener, Richard Daniel (London 1664) und Peter Gery (London 1670) ließen sich durch französische Vorbilder führen, John Ayres (London 1698) übernahm die übertriebenen französischen Verdickungen, Shelley (London 1709) bildet eine freizügig geschwungene, fast systemlose Schrift aus x). Im 18. Jahrhundert wurden die Kursivschriften in England immer unpersönlicher, in den Schreibmeisterbüchern von John Clark (London 1714), Snell (London 1723), Bickham, Richard Clark und Bland in der folgenden Zeit wurde ein Durchschnittstypus mit der Kunst des Schnörkels ausgebildet, der für die Kaufmannschrift Englands und Amerikas vorbildlich blieb. Die Humanistenkursive wurde sogleich nach ihrem Eindringen in England in den fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts auch für englische Texte verwendet und verdrängte als round hand immer mehr die alten gotischen Schriftarten, deren Bedeutung, wenn auch langsam, sich doch minderte. Die Niederländer hielten länger an der Gotik im Schrift wesen fest. Bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts waren gotische Buchstabenformen noch vorherrschend. Sogar im 19. Jahrhundert wurden die Bibeln in gotischen Lettern gedruckt, die man auch „deutschen Druck“ nannte. Die lateinische Kursive setzte sich etwas langsamer in Holland und Flandern durch, obgleich hier schon seit dem Beginne des 16. Jahrhunderts die Vorliebe für den Druck von humanistischen Kursivtypen sehr groß war. Die Kenntnis der humanistischen Buchschrift Italiens brachte schon der Löwener Buchdrucker Johannes de Westphalia (1474—96) aus Italien mit. Erasmus von Rotterdam ließ seine Werke in Antiqua setzen. Für Drucke in niederländischer Sprache wurden fast bis an das Ende des 16. Jahrhunderts gotische Lettern verwendet. Die gotische Buchschrift war nach 1550 als geschriebene Schrift kaum mehr J) Vgl. Delitsch, a. a. o. S. 224.

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