Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
II. Paläographie und Diplomatik - 13. Karl Pivec (Wien): Paläographie des Mittelalters Handschriftenkunde der Neuzeit?
Paläographie des Mittelalters — Handschriftenkunde der Neuzeit ? 229 in ein neues Ganzes zusammenschmiedete. In der Schriftentwicklung als einer Teilerscheinung des kulturellen Lebens waren solche gemeinsame Erlebnisse die karolingische Minuskel, eine Manifestation des werdenden Europa, die gotische Brechung der Buchstabenformen im 12. Jahrhundert gleichzeitig mit der beginnenden nationalen Differenzierung, und dann im 16. Jahrhundert die Rezeption der Humanistenkursive als neuen Faktors in der Vielfalt der nationalen Schriftentwicklung. Die Schrift ist einer der schlüssigsten Beweise für das Fortbestehen der kulturellen Einheit Europas auch in der nationalen Spaltung. Die Humanistenkursive hat als internationale Schrift wieder eine stärkere Verbindung innerhalb der nationalen Individualitäten hergestellt. Ihre volle Ausbildung hat die humanistische Kanzleikursive in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Italien erhalten. Trotz ihres so ganz anderen Charakters als Humanistenschrift hat auch sie einige Elemente der gotischen Kursive übernommen, neben dem geraden auch das runde d, e mit getrenntem Häkchen, das runde r nach o und am Wortanfange neben dem geraden. Die Schrift hat einen ausgeglichenen, gemessenen Schwung, die Unterlängen von p und q haben zierende Verdickungen mit einer Querlinie, die Buchstaben sind groß, deutlich, oft getrennt, wodurch ungute Verschleifungen vermieden werden, einer der Nachteile der gotischen Kursive. Die Buchstaben bekamen so wieder ihre Statik, ihr eigenes Gewicht und Dasein. Das g hat eine lange geschlossene Schlinge, h wird oft geknickt, das doppelte ii durch Herabziehen des zweiten deutlich gekennzeichnet, die st-Ligatur ist erhalten, das z wird hochgezogen. In ihrem Gesamteindruck ist die humanistische Kanzleikursive eine kalligraphisch vollendete, klare, deutliche und leicht lesbare Schrift. Als rein durchgeformte, gleichsam rationale Schrift hält sie einen riesigen Abstand von der gleichzeitigen Kursive, die sich aus der spätmittelalterlichen ableitete. Sie kennt nur ganz wenige und meist selbstverständliche Kürzungen, keine Unterdrückung der Wortenden durch Verschleifungen, keine Willkürlichkeiten. Neben der hohen ästhetischen Qualität, der Ausgeglichenheit und Ruhe der wenig individuellen Änderungen zugänglichen Schrift mit dem Charakter eines klassischen Typus, wirken deutsche und französische oder andere Kursivschriften in ihrer unruhigen, zerrissenen Art barbarisch J). Außer der humanistischen Kanzleikursive waren aber natürlich auch in Italien noch Abarten der spätmittelalterlichen Bastardschriften (Palatino nennt sie Kaufmannschriften) in Gebrauch. In der päpstlichen Kanzlei lebte in der Bullenschrift die spätgotische Urkundenkursive bis auf Leo XIII. fort2). Aber irgendwie sind auch diese Schriften einem klärenden Einfluß der Humanistenschrift erlegen. So wie die karolingische Minuskel im Mittelalter ist die Rezeption der Humanistenschrift in der Neuzeit das entscheidende Ereignis der Schriftentwicklung geworden. Die Verbreitung der Humanistenschrift in Europa, das allmähliche Zurück- und Verdrängen der alten, aus dem Mittelalter überkommenen Nationalschriften ist eines der interessantesten Probleme der neuzeitlichen Paläographie und zugleich eines der reizvollsten Kapitel der europäischen Kulturgeschichte. Das Wann und das Wie dieser Aufnahme ist eine Angelegenheit der geistigen Struktur Europas. Nicht zufällig hat sich Westeuropa im 16. und 17. Jahrhundert auch in der Schrift zu einer neuen lateinischen Einheit zusammengeschlossen und vermochte gerade in Deutschland die Humanistenschrift sich nicht allein durchzusetzen. Die Mitte Europas beharrte auf der Zweigeleisigkeit der Schrift und des Druckes (gotische Lettern, Antiqua), sah die aus dem Mittelalter überkommene Schrift im Gegensatz zu den westeuropäischen Nationen als ihre Nationalschrift an 3). Dieses konservative Verharren ist Ausdruck eines tiefen geistig-strukturellen und erlebnismäßigen Unterschiedes zwischen Deutschland und Westeuropa. Renaissance und Humanismus haben auch im geistigen Leben der Deutschen *) *) Abb. bei Steffens 2 Taf. 122. 2) Abb. Steffens 2 Taf. 125. 3) H. Hirsch: Gotik und Renaissance in der Entwicklung Unserer Schrift, Almanach der Akademie der Wissenschaften in Wien, 82, 335—64 pass.