Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 10. Tihamér Vanyó (Pannonhalma): Das Archiv der Konsistorialkongregation in Rom und die kirchlichen Zustände Ungarns in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

Archiv der Konsistorialkongregation in Rom. 173 düng von zwei großen Ideen gekennzeichnet: Dienst der kirchlichen Kultur und des ungarischen Nationalgedankens. Marczali, der auf Grund seiner umfassenden und tiefgehenden archivalischen Forschungen als einer der besten Kenner dieses Zeitalters gilt, gedenkt nach der ausführlichen Charakteristik des erwähnten Verhaltens folgender­maßen der Bischöfe des Zeitalters der Maria Theresia: „Zum größten Nutzen der ungarischen katholischen Kirche und der ganzen nationalen Kultur herrschten im Kreise des ungarischen Hochklerus auch zur Zeit Maria Theresias die Traditionen von Peter Pázmány. Sie haben nicht nur gebaut und gegründet, sondern lebten fast ausnahms­los ein von religiöser Begeisterung durchdrungenes Leben“ x). Die günstige Meinung des Geschichtsschreibers wird auch durch die Briefe des zum Urteil am meisten zuständigen Wiener päpstlichen Gesandten Josef Garampi aus dem Jahre 1776 bewiesen. In diesen preist er die ungarischen Bischöfe als die ersten in der Monarchie wegen ihrer tüchtigen Ausrüstung in den guten Lehren, ihrer Romtreue, Einheit und Kollegialität. ,,I vescovi di Ungheria sono, generalmente pariando, assai piü bene instrutti nelle buone dottrine, e piü attaccati alia Santa Sede, che non lo sono quelli degli altri Stati Ereditarii. Possono anche sostenersi meglio, giacché formano corpo; lo che non succede negli altri Stati.“ In einem anderen, aus demselben Jahr datierten Brief spricht er über ,,die schönste Ordnung“ des ungarischen Klerus. Als Ergebnis seiner in den Diözesen Esztergom, Győr, Eger, Pécs und Veszprém gemachten Besuche hebt er die Vorzüglichkeit des Klerus und der kirchlichen Institutionen, die seel­sorgerische Bemühung der Bischöfe, die Beliebtheit und Nützlichkeit (für die Seelen) der Ordensgeistlichen, die Ergebenheit gegen den Heiligen Stuhl, endlich die große Frömmigkeit des katholischen Volkes hervor. ,,. .. da per tutto ho trovato il clero in ottimo ordine e con eccellenti instituzioni, fornito di dottrina e di zelo, i Vescovi assai attenti ai doveri loro pastorali, e i Regolari bene accetti e assai utili al servizio delle anime: tutti poi assai ossequiosi verso la S. Sede; e il popolo Cattolico assai pio e divoto.“ Zur Beurteilung dieser Lobsprüche müssen wir in Betracht ziehen, daß Garampi das Betragen der meisten Bischöfe der Monarchie genau beobachtete und teilweise hart verurteilte 1 2). Die kirchlichen Verordnungen Josephs II. haben den ungarischen Episkopat auf eine schwere Probe gestellt. Die königliche Übung der Bischofernennungen und die starke staatliche Beeinflussung des ganzen kirchlichen Lebens seit Maria Theresia konnte auf die Prälaten nicht ohne Wirkung bleiben. Ferner waren auch die un­garischen Bischöfe Söhne des großen Kodifikators Werböczi und das ungarische Gemeinrecht hat ihre Anschauungen — zumeist natürlich gutgläubig — auch in allgemein kirchlichen Beziehungen in hohem Maße beeinflußt. Das Schicksal unseres Vaterlandes zur Zeit der türkischen Eroberung, die häufige staatliche Verwendung unserer Bischöfe, das im Laufe des 18. Jahrhunderts aus der völligen Verwüstung zu reorganisierende kirchliche Leben in Transdanubien, auf der großen ungarischen Tiefebene und in Siebenbürgen, vereint mit der großen Ausdehnung unserer Diözesen, haben das Augenmerk der Bischöfe allzusehr auf den Heimatboden konzentriert. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die Treue und Anhäng­lichkeit unserer Bischöfe zu Rom eine hohe, bleibende und ununterbrochene ist. Ihre Ver­bindungen mit dem Heiligen Stuhle sind aber — wenigstens seit dem 16. Jahrhundert — leider zu gering und aussetzend 3). Alle diese Umstände in Betracht gezogen, müssen wir die Stellungnahme unserer Bischöfe den Neuerungen Josephs II. gegenüber sehr hoch einschätzen. In der Frage des Plazets waren sie am meisten nachgiebig, natürlich mit Ausnahme der dogmatischen Fragen. Zur kaiserlichen Auffassung standen noch Ignaz Nagy, Bischof von 1) Marczali, a. a. O. Bd. I. 10—11, 241—42, 262—66, 284. 2) Tóth, a. a. O. 20—21. 3) Diese Tatsache haben wir auf Grund unserer römischen Forschungen im Werk: Püspöki jelentések (Bischöfliche Berichte), 58—62 ausführlich dargelegt.

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