Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 10. Tihamér Vanyó (Pannonhalma): Das Archiv der Konsistorialkongregation in Rom und die kirchlichen Zustände Ungarns in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts
164 Vanyö, Die Quellengruppe „Acta Congregationis Consistorialis“, die das Material der Kongregationssitzungen enthält, bildet keine so organische Einheit wie die Informativprozesse. Sie widerspiegelt die Ganzheit des kirchlichen Lebens eines gewissen Gebietes nicht in so wiederkehrender Regelmäßigkeit, in so großem Umfang und doch so sicherem Rahmen wie die Prozesse. Trotzdem wird man durch die ganz bis in die Tiefe dringende Erörterung und Zerlegung einiger Angelegenheiten, durch einige überaus reichhaltige — manchmal sogar zu Urkundensammlungen oder Abhandlungen angeschwollene — Beilagen vollauf entschädigt. Die Prozesse legen im allgemeinen die persönlichen, die Aktenstücke der Kongregationssitzungen hingegen in erster Linie die sachlichen und institutioneilen Beziehungen des kirchlichen Lebens dar. Die beidenQuellengruppen sind auch deshalb einander ergänzend, weil einige Angelegenheiten oft in beiden Vorkommen, u. zw. in den Bänden der Acta ausführlicher. Das Studium der Actabände ist auch deshalb zu empfehlen, da in diesen bei bedeutenderen Angelegenheiten — der Kongregationsadministration entsprechend — die Eingabe des Berichterstatters vorhanden ist. Diese Referate beleuchten die Grundlagen der römischen Beurteilung und Verwaltung verschiedener Fragen. Jadins großartige Quellenausgabe aus dem Archiv der Konsistorial- kongregation gibt uns Beispiel und Ermunterung dazu, daß man durch die im nationalen Rahmen weitergeführten Forschungen nicht nur die Wächter und Institutionen des religiösen Lebens eines Volkes aus den zuständigen Quellen erkenne, sondern, sich über diesen Rahmen erhebend, in der Wirkung eines wichtigen römischen Organs die Durchdringung der Weltkirche mit großen Prinzipien und praktischer Regierungsklugheit erblicke x). II. Zustand der katholischen Kirche von Ungarn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 1. Die Kirchenpolitik der Habsburger. In den nächstfolgenden Erörterungen möchten wir auf Grund des von uns untersuchten Materials der Congregatio Consistorialis und der einschlägigen Literatur einige wichtige Fragen der Vergangenheit des ungarischen Katholizismus beleuchten. Dem bereits oben geschilderten Geschäftsgang der Kongregation entsprechend, stehen in erster Linie die mit der Staatsgewalt und dem Kirchenregiment verbundenen Fragen im Vordergrund1 2). Die Untersuchungsprotokolle der Bischofskandidaten und die Sitzungsakten der Kongregation bieten uns natürlich auch in anderen Beziehungen überaus reiche Quellen, die wir in diesem Zusammenhang nicht ausbeuten können und die sich auch sonst nicht leicht einheitlich behandeln lassen. 1) Jadin, Louis: Procés d’information des évéques et abbés des Pays-Bas, de Liége et de Franche- Comté d’aprés les archives de la Congrégation Consistoriale, I. (1564—1637), II. (1637—1709), III. (1713—1794); — d’aprés les archives de la Daterie 1631—1775; — des évéques de Belgique d’aprés les archives de la Congrégation Consistoriale 1802—1848. (Bulletin de l’Institut Historique Beige de Rome 1928: 5—263; 1929: 5—321; 1931: 3—345, 347—389, 391—462.) — Jadin, Louis: Les Actes de la Congrégation Consistoriale concernant les Pays-Bas, la principauté de Liége et la Franche- Comté), 1593—1797. (Extr. du Bull. de l’Inst. Hist. Beige de Rome, fase. XVI. 1935.) Rome, 1935. 622 S. — Die systematische Ausbeutung des Archivs der Konsistorialkongregation hat außer Jadins Werk noch niemand verwirklicht. Der Verfasser dieses Aufsatzes hat das ganze Material über das geschichtliche Ungarn in der Zeitspanne von 1759 bis 1802 gesammelt. Diese Stoffmasse wartet in Originalsprache, mit lateinisch geschriebenen Notizen ergänzt, auf die Möglichkeit der Veröffentlichung. In demselben Zustand befinden sich die vom Verfasser gesammelten 26 ältesten, Ungarn betreffenden Propositionen vor dem Konsistorium, hauptsächlich aus dem 16. Jahrhundert. (Außer der Reihe „Processus Ecclesiarum“ stehendes Material.) 2) Die römischen Beziehungen der großartigen Veränderungen in der kirchlichen Verwaltung Ungarns und die Besprechung der materiellen Verhältnisse der Kirche mußten wir aus Mangel an entsprechendem Raum diesmal leider außer acht lassen.