Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 9. Eduard Straßmayr (Linz): Das Schloßarchiv Weinberg (Oberösterreich)

Schloßarchiv Weinberg. 145 kräftigen Trunk (352 Maß Wein) bekam Trauner in barem 415 Gulden und 50 Spezies- Dukaten *). Glücklicherweise blieb das Archiv im 19. Jahrhundert vor größeren Verlusten bewahrt2). Gerade jene Zeit hat kein Verständnis für eine Archivpflege gezeigt. Es kümmerte sich der österreichische Staat wenig oder gar nicht um seine eigenen Archive in der Provinz, Stadt- und Marktarchive waren arg gefährdet. Adelsfamilien ließen die vergilbten Papiere, die vom Ruhm und Glanz ihrer Ahnen kündeten, in dumpfen Gemächern vermodern oder von Mäusen zernagen. Geldschwierigkeiten der Schloßherren und häufige Veränderungen im Herrschafts­besitz haben viel Unheil gestiftet. Auf manchen Edelsitzen wechselten innerhalb weniger Jahrzehnte mehrere Male die Eigentümer 3) und die Folge war, daß viele denkwürdige Zeugen unserer Heimatgeschichte in den Antiquariatsladen und in die Papiermühle wanderten oder in alle Winde zerstreut wurden. So sind die Schriften des Schloßarchivs Kammer am Attersee, das durch die Grafen Khevenhüller für die Geschichte des 17. Jahrhunderts europäische Bedeutung erlangte, im Jahre 1893 vom Wiener Antiquariat Kende versteigert worden 4). Das gleiche Mißgeschick traf das Adelsarchiv Schwertberg, von besonderem Wert durch zahlreiche Korrespondenzen des Führers der protestantischen Bewegung in Oberösterreich, Georg Erasmus von Tscher- nembl, und durch Bauernkriegsakten5). Ebenso zerflatterten die Salburgschen Archive Leonstein und Altenhof-Falkenstein nach allen Richtungen 6). Große Bestände von Archi­valien der Starhembergschen Herrschaften Hartheim-Puchenau, Oberwallsee-Eschelberg, Schaunberg-Eferding und anderer Adelssitze wurden im Jahre 1901 als Altpapier verkauft7). Weinberg macht eine rühmenswerte Ausnahme. Die Herren von Thürheim haben ihre schriftlichen Dokumente sorgsam behütet und jedermann den Zutritt zum Archiv verwehrt, wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil in Familienarchiven wiederholt Entfremdungen von Urkunden und Akten vorgekommen waren. Nicht einmal der hervorragende Geschichts­schreiber Franz Kurz, Bahnbrecher der auf Quellenstudium aufgebauten landesgeschicht­lichen Forschung, der aus Kefermarkt stammte und am Beginn des 19. Jahrhunderts öfter Zutritt in Schloßarchive erhielt, konnte die Archivschätze von Weinberg benützen. Auch Adalbert Stifter gelang es trotz wiederholter Bemühungen nicht, für seine Nachforschungen nach dem Meister des berühmten Kefermarkter Flügelaltars Einsicht in die Weinberger Bestände zu nehmen.8) Nur der Schloßherr Andreas von Thürheim hat in den neunziger Jahren die Quellen für die Geschichte seines Hauses gründlich verwertet. *) Landesarchiv Linz, Weinberger Archivalien, Bd. 60, Nr. 4. Für die Ordnung des Stiftsarchivs Lambach erhielt Trauner außer der freien Verpflegung und Wohnung ein monatliches Gehalt von 12 Gulden, im Stifte Spital am Pyhm monatlich 16 Gulden. Straßmayr, Archivar Trauner, S. 260. 2) Als mit der Auflösung der grundherrlichen Gerichte nach 1848 Briefprotokolle aus den Herrschafts­kanzleien an die mit der Gerichtsbarkeit betrauten staatlichen Behörden abgeführt werden mußten, kamen auch von Weinberg 123 Bände aus der Zeit von 1631—1850 in das neu errichtete Landesgerichtsarchiv, das heute einen Bestandteil des Oberösterreichischen Landesarchivs bildet. Eine Einbuße erlitt das Weinberger Archiv dadurch, daß im Jahre 1895 Andreas Graf von Thürheim durch Vermittlung des Fürsten Starhemberg ungefähr 70 Zelkinger Urkunden von 1420—1635, meist Lehen­briefe, in Wien zum Verkaufe anbieten ließ. Sie wurden vom damaligen Vizedirektor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs Dr. Gustav Winter auf 140 Gulden geschätzt und dürften vom Antiquariat Kende erworben worden sein. Schloßarchiv Weinberg, Akten Bd. 313, Nr. 5. 3) Die Burg Rannariedl an der Donau hat in der Zeit von 1877 bis 1912 sechsmal den Besitzer gewechselt. Ein ähnliches Schicksal teilten die Schlösser Marsbach und Pümstein. 4) Zibermayr, Das Oberösterreichische Landesarchiv, S. 103. 5) Es wurde 1903 bei Halm und Goldmann in Wien ausgeboten. ®) Sie kamen 1905 bei Kende zum Verkauf. 7) Arehivinventar „Neue Erwerbungen im Linzer Landesarchiv“, verfaßt von F. Krackowizer (1902), S. 77 ff. 8) Brief Stifters vom 7. Februar 1857 an den Redakteur Karl Weiß der Mitteilungen der k. k. Zentralkommission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale in Wien, Katann, O., Ein unbekannter Stifterbrief. Die österreichische Furche Jg. 5 (Wien 1949) Nr. 5. 10

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