Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 9. Eduard Straßmayr (Linz): Das Schloßarchiv Weinberg (Oberösterreich)
Schloßarchiv Weinberg. 143 gerichtete Tätigkeit auch der Geschichtsforschung unschätzbare Dienste erwiesen. Heute noch sind uns 46 Repertorien erhalten, die in sorgfältiger Schrift eine gute Übersicht über den Inhalt der Archive geben und manche von ihnen Stück für Stück verzeichnen. Da im Laufe des 19. Jahrhunderts viele der von Trauner geordneten Archive zugrunde gingen, kommt diesen Inventaren um so höherer Wert für die landesgeschichtliche Forschung zu. Nach Weinberg wurde Trauner im Jahre 1777 berufen. Dieses Schloß befand sich damals im Besitze des Grafen Christoph Wilhelm von Thürheim, der von 1763 bis 1786 als Landeshauptmann, bzw. Regierungspräsident die Geschicke von Oberösterreich lenkte und in seiner einflußreichen Stellung eine ersprießliche Wirksamkeit entfaltete. Während seiner Amtstätigkeit wurde im Sinne der von Kaiser Josef II. eingeleiteten Reformen eine gründliche Umgestaltung des Kanzleiwesens und Geschäftsganges bei der Landeshauptmannschaft durchgeführt*). Ihm oblag die Eingliederung des im Jahre 1779 neugewonnenen bayrischen Innviertels in das oberösterreichische Verwaltungsgebiet. Wie dieser hochbegabte Mann für wissenschaftliche Bestrebungen reges Verständnis bekundete — dem Verfasser der Landeskunde von Oberösterreich, Ignaz de Luca, gestattete er freien Zutritt in die Landesregistratur und vermittelte ihm verschiedene Mitteilungen aus dem ständischen Archiv 2) —, war er auch auf die Förderung des Archivwesens bedacht. Im Jahre 1776 veranlaßte er durch den Kustos Josef Heyrenbach der Wiener Hofbibliothek ein Gutachten über das Archiv der Landeshauptmannschaft 3) und gab 1785 den Auftrag zur Ordnung der Akten des Vizedomamtes 4). In dem ihm gehörigen Thürheimischen Freihaus zu Linz (Altstadt 30) hatte er sich eine gut eingerichtete Hausregistratur angelegt, welche die aus seiner amtlichen Wirksamkeit und Privatkorrespondenz hervorgegangenen Schriften enthielt 5). Daher war es auch seine angelegentliche Sorge, eine tüchtige Kraft für sein reichhaltiges, bis ins 14. Jahrhundert zurückreichendes Familienarchiv in Weinberg zu gewinnen. Eine solche ausfindig zu machen, fiel nicht schwer; war doch Trauner als gewissenhafter Archivar im Lande schon gut bekannt. Im Jahre 1766 hatte er im Schlosse Schwertberg gearbeitet, dessen Besitzer, Gundaker Josef von Thürheim, ein Onkel des Landeshauptmannes war und Trauner für Archivarbeiten gewiß nur empfehlen konnte. Einen warmen Förderer fand letzterer auch an dem Benediktinerpater Wolfgang Doppler von Lambach. Dieser Ordens - priester, der selbst auf dem Gebiete der Landeskunde tätig war und im Jahre 1776 eine im Stiftsarchiv Lambach noch vorhandene vortreffliche Topographie von Oberösterreich, die erste dieser Art, verfaßte 6), hatte Trauners Fähigkeiten im Stifte selbst kennengelernt, als 1769—1772 das reichhaltige Klosterarchiv geordnet wurde 7). Da er mit dem Landeshauptmann in persönlichem Verkehr stand, ergab sich Gelegenheit, dessen Aufmerksamkeit auf Trauner als die geeignetste Person für die Ordnung des Weinberger Archivs hinzulenken. Aus einem kurzen Briefwechsel zwischen Thürheim und Trauner 8) vom Jahre 1777 geht hervor, daß ersterer in den vielerprobten Archivar vollstes Vertrauen setzte und ihn bereits im Oktober 1776 durch P. Wolfgang von seinem Vorhaben in Kenntnis gesetzt hatte. Bei einer Zusammenkunft in Linz wurde der Plan für die Archivordnung näher besprochen und im Mai 1777 zog Trauner mit Weib und Kind nach Weinberg, wo er bis Ende April des *) Landesarchiv Linz, Weinberger Archivalien, Akten Bd. 21 und 22. 2) De Luca I., Landeskunde von Österreich ob der Enns 1 (Linz 1786), S. X. 3) Zibermayr, Landesarchiv, S. 71. 4) Derselbe S. 76. 5) Landesarchiv Linz, Weinberger Archivalien, Akten Bd. 60, Nr. 1. Diese Akten wurden nach dem Rücktritt Thürheims vom Posten eines Regierungspräsidenten im Jahre 1787 nach Weinberg gebracht und in das Archiv eingereiht. 8) Grüll G., P. Wolfgang Doppler. Ein unbekannter oberösterreichischer Topograph. Oberösterreichische Heimatblätter, Jahrgang 1 (1947), S. 331 ff. 7) Straßmayr, Archivar Trauner, S. 260. 8) Landesarchiv Linz, Weinberger Archivalien, Akten Bd. 60, Nr. 4.