Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 9. Eduard Straßmayr (Linz): Das Schloßarchiv Weinberg (Oberösterreich)

Schloßarchiv Weinberg. 141 zum Hochstifte Passau gehörigen Herrschaft Ebelsberg im Jahre 1622 nach Oberösterreich x). Als eine verläßliche Stütze des Herrscherhauses und der von demselben eingeleiteten Gegen­reformation gewann er bald an Einfluß und Ansehen. Bereits im Jahre 1625 verlieh Kaiser Ferdinand II. dem Hans Christoph von Thürheim den Freiherrenstand 2). In den nächsten Jahren entfaltete letzterer als Verordneter der oberösterreichischen Stände und als Reformations-Kommissär eine sehr rege Tätigkeit und konnte von den Zelkingern 1629 das Schloß Weinberg mit Wartberg und Dörnach käuflich erwerben. Fortan zählten die Thürheimer, welche infolge ihrer dem heiligen römischen Reiche und dem Erzhause Österreich geleisteten vorzüglichen Dienste im Jahre 1666 in die Reihe der Reichsgrafen aufgenommen worden waren 3), zu den angesehensten Geschlechtern des Landes. Was sie in verantwortungsvollen Stellungen für Oberösterreich getan haben, ver­dient in der Landesgeschichte eine ehrenvolle Erwähnung. Christoph Wilhelm (1661—1738) bekleidete durch ein Vierteljahrhundert (1713—1738) das wichtige Amt eines Landeshaupt­mannes, und auf dem gleichen Posten bewährte sich ein paar Jahrzehnte später (1763—1786) dessen Enkel Christoph Wilhelm ebenfalls ganz ausgezeichnet. Im jugendlichen Alter von 32 Jahren rückte er bereits bis zur höchsten Würde im Lande vor und entfaltete dank seiner Begabung und seinem unermüdlichen Arbeitseifer durch gründliche Reformen auf allen Gebieten der Verwaltung für seine Heimat eine so ersprießliche Wirksamkeit, wie sie kaum je einmal einer seiner Vorgänger zu verzeichnen hatte. Zahlreiche Angehörige der Familie waren die Jahrhunderte hindurch als ständische Verordnete und Landräte in schweren Zeiten stets um das Wohl des Landes besorgt und mit dessen Geschicken eng verwachsen. Es entsprach ganz den Traditionen eines uradeligen Geschlechtes, daß sich die jüngeren Söhne mit Vorliebe dem kaiserlichen Waffendienste widmeten. In unzähligen Kämpfen gegen den Erbfeind der Christenheit und gegen andere Heere standen Thürheimer stets in vorderster Linie und bedeckten sich mit Heldenruhm. Nicht weniger als vier Familien­mitglieder fielen im Jahre 1684 von Türkenhand, viele holten sich auf den Schlachtfeldern Wunden und hohe Auszeichnungen. Zu den tapfersten Haudegen zählt Franz Ludwig Thiir- heim (gestorben 1782), der wie sein Vater Franz Sebastian die höchste Stufenleiter der mili­tärischen Laufbahn erreichte, den Rang eines Feldmarschalls. Nicht selten begegnen uns auf den Hochstiften zu Breslau, Passau, Olmütz und Regens­burg Thürheimer in der Würde von Domherren. Andere wieder zogen an die berühmten Hochschulen von Ingolstadt, Löwen und Padua, um eine gründliche geistige Schulung zu genießen. Größere Reisen durch Europa weiteten ihren Gesichtskreis und verschafften ihnen wertvolle Erfahrungen für den künftigen Beruf. Aus der langen Reihe der Ahnen ragen zwei Persönlichkeiten durch ihr geistiges Schaffen besonders hervor, Ludovika und Josef Andreas Thürheim. Erstere, bekannt unter dem Namen Gräfin Lulu, spielte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der großen Welt eine wichtige Rolle. Infolge ihrer Geburt und verwandtschaftlichen Beziehungen stand sie mit allen füh­renden Persönlichkeiten der franziszeischen Zeit im Verkehr und genoß durch ihre hohe Bil­dung und Erzählungskunst in der Gesellschaft großes Ansehen. Sie schrieb Bücher in fran­zösischer Sprache, war eine Meisterin des Stiftes und hinterließ Tagebücher, die uns farben­prächtige Bilder aus der österreichischen Gesellschaft der Napoleonischen Zeit und des Vor­märz erschließen und zu dem Besten in der Memoirenliteratur zählen 4). Josef Andreas Thürheim (gestorben 1904) hat sich in literarischen Kreisen einen geachteten Namen dadurch erworben, daß er zahlreiche Werke über die ruhmreiche Vergangenheit der österreichischen x) Bestallungsbrief vom 9. Juni 1622 im Schloßarchiv Weinberg, Akten Bd. 1367. 2) Schloßarchiv Weinberg, Urkunden Nr. 675. 3) Schloßarchiv Weinberg, Urkunden Nr. 688. 4) Gräfin Lulu Thürheim, Mein Leben. Erinnerungen aus Österreichs großer Welt 1788—1852. Herausgegeben von René van Rhyn (Ph. Blittersdorff), 4 Bände, München 1913/14.

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