Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv

österreichisches Staatsarchiv und seine führenden Beamten. 131 im liquidierenden Ministerium des Äußern betraut war, und mit Ende des Jahres 1925 frei­willig in den Ruhestand getreten ist. Es wird kaum einen Archivbeamten geben, dessen wissenschaftliches Arbeitsgebiet so vielseitig war, wie 0. Mitis. Vom frühen Mittelalter bis in die jüngste Zeit erstrecken sich seine Arbeiten und in keiner derselben ist die leiseste Spur von Dilettantismus zu merken. Aber auch in anderen Aufgaben, die nicht in das Fachgebiet des Archivars fallen, fand er sich zurecht. So wurde er zusammen mit jüngeren Beamten des Archivs zu Beginn des ersten Weltkrieges der Abteilung für Rechtsschutz im Ministerium des Äußern zugeteilt, dessen Leitung er kurz vor Kriegsende übernahm. Als Leiter des Haus-, Hof- und Staatsarchivs hatte er vor allem die Archive des k. u. k. Ministeriums des Äußern, das Archiv der Kabinettskanzlei und alle Hofarchive zu übernehmen, so daß unter ihm der Umfang des Archivs eine solche Vergrößerung erfuhr, daß es notwendig wurde, wie vor dem Neubau außerhalb des Hauses Lagerräume zu verwenden. Als größere Gemeinschaftsarbeit der Beamten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, die unter Mitis’ Leitung mit Beiziehung auch anderer Fachleute durchgeführt wurde, sind die ,,Acta extera Caroli V.“ zu nennen, eine Ausgabe der diplomatischen Korrespondenz Karls V.; der erste Band dieser Arbeit war bereits 1921 druckfertig. Da jedoch die hiefür erforderlichen Geldmittel nicht aufgebracht werden konnten, wurde das Manuskript 1928 dem Kaiser-Wilhelm-Institut für die Arbeiten Karl Brandis überlassen, das dafür die Drucklegung zweier anderer österreichischer histo­rischer Publikationen übernahm. Über Mitis’ Anregung wurde auch im Jahre 1921 von den Beamten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs die Herausgabe einer historischen Zeitschrift, der „Historischen Blätter“, begonnen, die bereits 1923 mangels verfügbarer Mittel eingestellt, 1930 aber mit Unterstützung der Notgemeinschaft deutscher Wissenschaft wieder ins Leben gerufen und mit Unterstützung des Archivamtes durch die „Archivalische Beilage“, die zur Veröffentlichung von Archiv- inventaren bestimmt war, vergrößert wurde. 1937 ist das letzte Heft der „Historischen Blätter“, die infolge der Ereignisse des Jahres 1938 eingestellt wurden, erschienen. Die Schrift­leitung dieser Zeitschrift besorgte Otto H. Stowasser und nach dessen Scheiden aus dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv L. Groß. Aber auch im Ruhestand blieb Mitis in engster Verbindung mit dem Archiv und nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges war er einer der ersten, die sich wieder zum Dienste meldeten. Seinen genealogischen Kenntnissen entsprechend, wurde er mit der Verwaltung des Archivs des Deutschen Ritterordens betraut, das das Haus-, Hof- und Staatsarchiv im Sommer 1938 nach Aufhebung dieses Ordens in seine Verwaltung übernehmen mußte, das aber in seinen alten Räumen, bis Bergungen notwendig wurden, verblieb. Es ist das Verdienst Mitis’, dieses wertvolle Archiv durch Anlage neuer Behelfe voll erschlossen zu haben, und daß es im Jahre 1946 wohlgeordnet und mit nur geringen Verlusten, die durch die Bergung ent­standen sind — lag es doch im April 1945 zwischen beiden Fronten und wurde um den Pfarr- hof Obritzberg, in dem es verlagert war, hart gekämpft —, zurückgegeben werden konnte, ist fast ausschließlich ihm zu danken. Nach Kriegsende wieder in den Ruhestand getreten, ist der fast Fünfundsiebzig jährige, der sich körperlicher und geistiger Rüstigkeit erfreut, zu seiner Jugendarbeit, der Erforschung der ältesten österreichischen Urkunden, zurückgekehrt und mit der Vollendung des Baben­berger-Urkundenbuches beschäftigt. Mitis’ Nachfolger wurde 1926 Ludwig Bittner x), der bereits nach dem Rücktritt Schiitters als Vertreter der beiden Archivbevollmächtigten Ludwig Moritz Hartmann und Oswald Redlich bis zur Ernennung Mitis’ das Haus-, Hof- und Staatsarchiv geleitet hatte. In Ludwig Bittner, der am 3. April 1945 mit seiner Gattin freiwillig aus dem Leben schied, hat das Haus-, Hof- und Staatsarchiv nicht nur den bedeutendsten Archivar inter­nationaler Prägung als Direktor erhalten, sondern auch einen Mann, der sich in den wissen­1) Nachruf im Almanach der Akademie der Wissenschaften in Wien, Jahrgang 1945, von L. Santifaller.

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