Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv
127 Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Von Jakob Seidl (Wien). In der Festschrift, die der zweihundertjährigen Bestandfeier des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs gewidmet ist, glaube ich als ältester Beamter des Österreichischen Staatsarchivs berechtigt zu sein, meine Erinnerungen zu veröffentlichen, die ich in den vergangenen vier Jahrzehnten, vorerst als Benützer und seit 1916 als wissenschaftlicher Beamter des heutigen Österreichischen Staatsarchivs, davon 16 Jahre im Haus-, Hof- und Staatsarchiv, gesammelt habe. Gibt es doch in der Geschichte dieses Archivs keinen Zeitabschnitt, in dem solche wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht wurden, trotz der Fülle der Arbeiten, die es infolge der dreimaligen staatsrechtlichen Umwälzungen und den damit verbundenen Änderungen seiner Organisation, zweier Weltkriege und eines großen Brandunglückes zu bewältigen hatte. Dies allein zu schildern wäre eine dankbare Aufgabe J). Die folgenden Ausführungen sollen in erster Linie — fern jeder Politik — an das Wirken jener nicht mehr unter den Lebenden weilenden Männer erinnern, die aus Liebe zu ihrem Beruf als Archivare und als Geschichtsforscher und -lehrer Leistungen geschaffen haben, die Österreichs Ansehen in der ganzen Welt zur Geltung brachten und den Beweis lieferten, daß dieser seit 1918 kleine und arme Staat in wissenschaftlicher Hinsicht den mächtigsten Staaten der Welt nicht nachsteht und verdient, darin als vollwertig und gleichberechtigt anerkannt zu werden. Sie sollen aber auch für die folgende Generation der Hüter der Archivschätze Österreichs, die ja einer weltumspannenden Großmacht entstammen und so von welthistorischem Interesse sind, der Ansporn sein, nicht nur ihrer Vorgänger, die unter den schwierigsten Verhältnissen solche Leistungen hervorgebracht haben, dankbar zu gedenken, sondern auch in ihrem wissenschaftlichen Geiste als treue Diener des Staates für die Allgemeinheit weiterzuarbeiten. Es ist selbstverständlich, daß ich mit jener Abteilung des Österreichischen Staats- archives beginne, deren zweihundertjährigem Bestehen diese Festschrift gewidmet ist und die als die für die Weltgeschichte wichtigste Abteilung bezeichnet werden muß, dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv 1 2). Über die anderen Abteilungen werde ich in den Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs berichten. Gustav Winter, von 1897 bis 1909 Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, persönlich kennenzulernen war mir nicht mehr vergönnt. Denn kurz bevor ich als Benützer 1) Vgl. die Einleitung L. Bittners zum „Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs“, I. Bd., besonders S. 38 *—48 *, 116 *—123 *. 2) Mit der Geschichte dieser Abteilung kann ich mich kurz fassen, da L. Bittner in der bereits erwähnten, 1936 erschienenen Einleitung zum Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs dessen Geschichte bis zu diesem Jahr ausführlich geschildert hat und deren weitere Schicksale von mir im I. Band der Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, S. 3—19, dargelegt worden sind. Ebenso