Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung 1762—1792. 117 Der siebenbürgische geheime Gubernialrat Johann Michael Soterius von Sachsen­heim 1), der die Verfasser des unter dem Namen der,, Repräsentanten der sächsischen Nation“ erschienenen historischen Schriften unterstützte, wandte sich zu diesem Behufe am 31. Mai 1792 2) an den Staatskanzler. Soterius, den sein Amt verpflichte, die Geschichte seines Vaterlandes eifrig zu studieren, bat um Abschriften von den Erklärungen einiger sächsischer Städte in Siebenbürgen und der Woiwoden über die dem Erzherzog Maximilian 1492/93 zugesicherte Erbfolge im Königreich Ungarn. Es mutet paradox an, daß Fürst Kaunitz am 10. August 1792, gerade im Widerstand gegen eine Vereinbarung, die den Anfall Bayerns an Österreich realisieren sollte, seine Ent­lassung erbat. Daß sein Mäzenatentum jedoch nicht vergessen war, sei nur an einem Beispiele bewiesen. Der Orientalist Franz Dombay 3) hat noch am 6. Mai 1794 4) dem greisen Fürsten, knapp vor dessen Tode, die Drucklegung seiner „Geschichte der Mauritanischen Könige“, eine Übersetzung aus dem Arabischen, angekündigt und daran die Bitte geknüpft, seinen Namen als den Protektor der orientalischen Literatur denen der Pränumeranden voransetzen zu dürfen, wozu dieser gerne seine Zustimmung gab. Am 24. Juni 1794 ist Wenzel Anton Fürst Kaunitz-Rietberg gestorben und mit ihm ein Staatsmann des 18. Jahrhunderts, der nicht allein im politischen, sondern auch im geistig-kulturellen Leben Österreichs, ja ganz Europas eine bedeutende Rolle spielte. Die Kaiserin konnte für die Direktion des von ihr gegründeten Institutes, das den Interessen der Staatsverwaltung und der Wissenschaft diente, keinen besseren Mann finden als Fürst Kaunitz. Dem Fürsten, der als Diplomat die wichtigsten Länder Europas bereiste und dort mit Gelehrten und Universitäten Berührung suchte und für alle Zweige des kulturellen Lebens stets ein starkes Interesse zeigte, war, selbst mit ungewöhnlichen Kenntnissen begabt, eine überlegene Urteilskraft eigen. Deshalb hatte er auch seine Zeit, in der er lebte, richtig auszuschöpfen verstanden. Als Staatsmann der Aufklärung war alles seinem rationalistischen Denken untergeordnet. Bei seinen Maßnahmen für das Hausarchiv und die mit ihm eng verbundene Geschichtswissenschaft spielt immer wieder das Staatsinteresse und die Staats- raison die wichtigste Rolle. Er verstand es, seinem politischen System aus der Erschließung des Hausarchivs die rechtshistorischen Fundamente zu gewinnen. Die Jahre seines Ein­flusses auf Archivforschung und Geschichtswissenschaft geben ein getreues Spiegelbild seiner Politik wieder. Er war, wie erwähnt, Rationalist und daher mit ganzer Seele Diener des Staates. Man könnte deshalb bei seinen Bemühungen um die Förderung der Archiv­forschung und der Geschichtswissenschaft förmlich zwei Zielrichtungen unterscheiden. Die erste, die der Unterstützung seiner Innen- und Außenpolitik diente, und eine zweite, die der Verherrlichung und dem Ruhme des Hauses Österreich galt. Der unermüdliche Verfasser politischer Denkschriften brauchte hiezu ja die quellenmäßigen Grundlagen der Archive. Dazu war zunächst der Archivar berufen als Mann der Wissenschaft, der ihn in allen staats- und völkerrechtlichen Fragen historischer Art zu informieren und, wenn nötig, durch seine publizistischen Arbeiten zu unterstützen hatte. In dieser Beziehung scheint Rosenthal, als Berater und Verfasser unzähliger Ausarbeitungen, die bedeutendere Rolle als Schmidt, der seine diesbezüglichen Erwartungen nicht erfüllte, gespielt zu haben 5). Darüber hinaus wählte er bedeutende Persönlichkeiten, die zugleich Rechtsgelehrte und quellenkritische Geschichtsforscher waren. Die hier führenden Männer, wie Schrötter, Kollar, Pray und Benczúr, konnten sich seiner höchsten Gunst erfreuen und waren die Repräsentanten jener Richtung, die der Vertretung der Staatsinteressen diente. Auch für die Übersetzung x) Wurzbach, 1. c., 36. Bd., S. 31. 2) K. A. 1792/5. 3) Wurzbach, 1. c., 3. Bd., S. 353. 4) St. K. W., Fasz. 2. 5) Vgl. die Ausführungen S. 107 f.

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