Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

104 Pillich, zu berichten. Gleichzeitig weiß Kaunitz eine Belohnung von 2000 Gulden für jeden der daran Beteiligten, den Hofrat Rosenthal, dem übrigens die Wahl zwischen einem Ring gleichen Wertes gelassen wurde 1), den Bibliotheks-Kustos Kollar und den Rat und Sekretär der Staatskanzlei Spielmann, zu erreichen 2). Als der in gräflich Ried-Runkelischen Diensten stehende Hofrat Johann Christian Cramer, der sich für die „Aufnahme des allerhöchsten Ansehens des Reichsoberhauptes” äußerte und deswegen vom Dienste entlassen wurde, sich entschloß, der „protestantischen Irrlehre“ zu entsagen und sich zur katholischen Religion zu bekennen, wurde er von Kaunitz für die von ihm gegen Polen geplanten Ausarbeitungen in Vorschlag gebracht. Cramer, der sich durch eine Druckschrift „zum Beweis, daß der Krone Böheim der Rang in der dritten Visitations Classe zustehe“ bekannt machte, wird vom Staatskanzler als ein fähiger Mann bezeichnet, der die deutsche Geschichte und Reichsrechte kenne und auch polnische Sprachkenntnisse besitze. Die Kaiserin fühlte sich daher auf den Vortrag von Kaunitz am 6. März 1773 3) hin verpflichtet, ihr Einverständnis zu geben, „diesen Mann nicht aus Händen zu lassen und ihn ... zu placieren“. Der Innsbrucker Archivar Kassian Anton Roschmann von Hörburg4), Sohn des Tiroler Historikers Anton Roschmann, erhielt schon 1770 zur Fortsetzung der väterlichen Studien eine Beihilfe von 400 Gulden von der Kaiserin bewilligt 5). Er war übrigens zweimal, von 1760 bis 1764 und von 1779 bis 1806 am Wiener Hausarchiv tätig 6). 1772 legte Roschmann die zwei ersten Teile seiner „Geschichte von Tirol“ vor. Am 14. April 1774 erhält Kaunitz durch die Böhmisch-Österreichische Hofkanzlei die Fortsetzung seiner Arbeit, die Rosenthal zur Durchsicht weitergeleitet wird. Obwohl, wie Rosenthal urteilt, dies noch zu wenig Material für einen Band zum Drucken wäre, so verdiene der „fleißige Verfasser“ doch eine „Beyhülfe“, die Kaunitz 1775 bei der Kaiserin mit einer jährlichen Gehaltszulage von 200 Gulden zu erreichen weiß 7). Schließlich legte 1775 Roschmann den dritten Teil seines Geschichtswerkes vor und erhielt dazu die Druckbewilligung 8). Die Prüfung der Westen- riederschen Geschichte Bayerns für Jugend und Volk durch Roschmann vom 25. Jänner 1787 richtete sich gegen die die Staatsrechte des Hauses Österreich schwer angreifenden und beleidigenden Sätze dieses Buches und gegen die darin vertretenen Ansprüche Bayerns auf Brandenburg, Tirol, Holland, Burgau, Görz und Österreich ob der Enns9). Als 1791 die krainischen Stände um die Wiedervereinigung des Stadtbezirkes Fiume einkamen, ver­faßte Roschmann im Aufträge der Staatskanzlei einen „Diplomatischen Ausweis über die Abhängigkeit beyder Städte und Bezirke Triest und Fiume von dem Herzogthume Krain 10).“ Daß Kaunitz übrigens auch für seine politischen Ziele Gelehrte und ihre Arbeiten zu fördern suchte, beweist das Konzept eines Schreibens der Staatskanzlei an den berühmten Professor August Ludwig Schlözer n) in Göttingen vom 16. September 1775 12) anläßlich Expose préliminaire des Droits de la Couronne de Hongrie sur la Russie Rouge et sur la Podolie; aussi que de la Couronne de Bohémé sur les Duchés d’Oswiétzim et de Zator. 1) Rosenthal erbat sich bei der Kaiserin anstatt dessen die Ernennung seines beim Staatsrat ange- stellten Sohnes zum wirklichen Hofsekretär. Vortrag Kaunitz, 1773 Jänner 29, St. K. V., Fasz. 167. 2) 1772 November 10, St. K. V., Fasz. 166 und K. A. 1772/13. 3) St. K. V., Fasz. 167. 4) Biographie mit ausführlicher Literaturangabe von F. Hüter bei Bittner, 1. c., I. Bd., S. 113 ff. 5) Protokoll der Akten des Staatsrates 1770/463; die Akten selbst wurden im Kriege 1945 vernichtet. 6) Seine heute noch im Haus-, Hof- imd Staatsarchiv erhaltenen Ausarbeitungen siehe Böhm, 1. c., Nr. 36, 445, 452, 474, 476 und 946. 7) K. A. 1774/1 und 2; 1775 Dezember 21, St. K. V., Fasz. 179. 8) Protokoll der Akten des Staatsrates 1775/1080, die Akten selbst wurden im Kriege 1945 vernichtet. ») K. A. 1787/4. 10) 1791 November 18, K. A. 1791/ad 11. n) ADB., 31. Bd., S. 567 ff.; vgl. J. Nadler, Literaturgeschichte des deutschen Volkes, 4. Auflage, 2. Bd., S. 167 f. 12) St. K. W., Fasz. 2,

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