Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)
Budapests Weg zur Großstadt (1849-1919)
Bevölkerung spielte eine bedeutende Rolle bei der Niederschlagung des konterrevolutionären Putschversuchs im Juni. Die werktätigen Massen erhielten in der Stadtverwaltung und in der Stadtpolitik Mitspracherecht. Nach der völligen Abschaffung des alten, bereits in der bürgerlich-demokratischen Revolution bedeutend gesenkten Wahlzensus erhielten alle Staatsbürger beiderlei Geschlechts über 18 Jahre das Wahlrecht. So wurden am 7. April 1919 die Bezirksräte von Budapest gewählt. Diese wählten aus ihren Reihen 500 Mitglieder (deshalb auch Rat der 500 genannt) in den Budapester Revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat. Dieser wählte ein aus 80 Personen bestehendes Exekutivkomitee, das wiederum einen Vorstand aus fünf Mitgliedern wählte. Der Vorstand leitete die Arbeit des Räte-Apparats. Infolge der außerordentlichen Bedeutung von Budapest für das ganze Land und der wichtigen Rolle des Budapester Proletariats wurden bis zur Errichtung des obersten Organs der proletarischen Staatsmacht, der Landesversammlung der Räte, auch die wichtigsten politischen Fragen der Räterepublik von Landesbedeutung zum größten Teil im Rat der 500 behandelt. Mehrere außerordentlich bedeutende politische und wirtschaftliche Maßnahmen der Räterepublik wurden von den als Machtorgan des Budapester Proletariats tätigen Rat der 80 getroffen. Auf ihren Sitzungen ergriffen die Führer der Räterepublik, so auch Béla Kun das Wort. Die führende Rolle in der Kultur behielt die Stadt — die schon in der von gesellschaftlichen Spannungen erfüllten Atmosphäre um die Jahrhundertwende überaus empfindlich auf alle großen Probleme der Epoche reagierte — selbstverständlich auch unter der Räterepublik bei und festigte sie sogar. Sowohl die neuen kulturellen Einrichtungen als auch ihre führenden Persönlichkeiten stützten sich vor allem auf Budapest, auf seine bereits entstandenen stadtbezogenen Ansätze einer sozialistischen Kultur. Die besten Vertreter der Intelligenz der Stadt bekleideten leitende Funktionen im Bildungswesen der Räterepublik (z. B. der Philosoph Georg Lukács), die modernen Maler der Hauptstadt kämpften mit ihren politischen Plakaten für die Revolution, und die besten Schriftsteller von Budapest zeichneten in ihren künstlerischen Darstellungen das Bild der sich entfaltenden neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit. An der Leitung des Musikdirektoriums waren der junge Béla Bartók, der Volksmusikforscher Zoltán Kodály und der Pianist Ernő' Dohnányi beteiligt. Die fortschrittlichsten, modernsten Richtungen des Bildungswesens kamen zunächst in Budapest zur Geltung. Sie dehnten ihren Einfluß auf das ganze Land aus. Diese Wirksamkeit lebte auch nach der bewaffneten Niederschlagung der Räterepublik als ihr beharrlichstes, am schwersten auszutilgendes Erbe weiter. Die Revolution wurde von der bewaffneten ausländischen Intervention niedergeschlagen. Es war jedoch offensichtlich, daß die in den vergangenen Jahrzehnten gesetzmäßig entstandenen Spannungen auch in den folgenden 25 Jahren die Geschichte der Stadt entscheidend beeinflussen würden. 49