Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)
Pest-Buda von 1686 bis 1849
vielmehr von der Richtung, die die neue Politik des Landes einschlug. Die politisch geschulteren, fortschrittlicheren Elemente des Stadtrates zogen aus der veränderten Lage auch die nötigen Schlußfolgerungen und unterstützten, wenn auch zögernd und vorsichtig, zumindest in einigen Belangen die Reformbestrebungen des liberalen Adels. Die breite Mehrheit des Kleinbürgertums war indessen leicht beeinflußbar und schwankend und unterstützte eben deshalb einmal diese, einmal jene politische Partei oder Splittergruppe. Nicht selten gelang es, sie zur Unterstützung der konservativen Politik zu gewinnen. Schließlich gab es noch die ärmste Schicht der Städte, die Handwerksgesellen und Arbeiter sowie die nach den Mißernten der vierziger Jahre vom Hunger in die Hauptstadt getriebenen Massen, die freilich keine festen politischen Ziele vor Augen, andererseits aber auch nichts zu verlieren hatten und sich angesichts ihrer Notlage, ihrer Mittel- und Rechtlosigkeit bereitwillig der radikalen Jugend angeschlossen haben. Abgesehen von einer dünnen Schicht junger Intellektueller fehlten somit der hauptstädtischen Bevölkerung klar umrissene politische Ziele und Forderungen. Das am leichtesten beeinflußbare Kleinbürgertum wurde zur Basis der verschiedenen politischen Richtungen. Immerhin läßt sich von den vierziger Jahren an eine politische Aktivierung der gesamten städtischen Bürgerschaft nicht in Abrede stellen, und nicht zuletzt ist es auch dieser Tatsache zu verdanken, daß Buda und Pest Inspiratoren und Ausgangspunkte der bürgerlichen Revolution von 1848 und in den folgenden Monaten zum Mittelpunkt der Revolution, des nationalen Widerstandes und zur Hauptstadt des unabhängigen Ungarn wurden. Die Hauptstadt der Revolution Auf die Nachricht vom Ausbruch der Wiener Revolution hin beschlossen Sándor Petó'fi und einige andere Führer des Jungen Ungarn am Morgen des 15. März 1848, noch am gleichen Tag eine Massenkundgebung zu veranstalten und, gestützt auf das Volk, die im radikalen Programm der bürgerlichen gesellschaftlichen Umgestaltung enthaltenen, schon einige Tage zuvor in 12 Punkten zusammengefaßten Forderungen durchzusetzen. Eine kleine Gruppe von 60 bis 70 jungen Leuten machte sich aus dem Café Pilvax auf den Weg, um in erster Linie die Universitätsstudenten zu mobilisieren. Unterwegs schlossen sich ihr Bürger, Handwerker und Gesellen an, und vor der Druckerei Länderer forderte und erreichte bereits eine zweitausendköpfige Menge die unzensurierte Drucklegung des Zwölfpunkteprogramms sowie des seitdem berühmt gewordenen Nationalliedes von Sándor Petó'fi. Zu der für Nachmittag angekündigten Volksversammlung strömten bereits an die Zehntausend Menschen vor das Nationalmuseum, darunter auch Bauern, Gutsverwalter, Adlige und Handwerker aus der Provinz, die zum bevorstehenden Josephsmarkt in Pest eingetroffen waren. Sie waren es, die nach ihrer Heimkehr die Kunde von der Pester Revolution im ganzen Land verbreiteten. Vom Nationalmuseum wälzte sich die Menschenmenge zum Pester Rathaus, eine Delegation verschaffte sich Zugang zum Sitzungssaal, und auf den Druck der Massen erklärte sich der Magistrat von Pest mit den 12 Punkten einverstanden. Die Anwesenden wählten an Ort und Stelle einen Ausschuß, der über den „öffentlichen Mut“ zu wachen hatte. Diesem Ausschuß gehörten unter anderen Petőfi und der Pester Vizebürgermeister Leopold Rottenbiller an. Damit war das Führungsorgan 38