Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)
Ferenc Vadas: Die Regulierung der Donau und die Kaianlagen
86 Die Kaianlagen im Stadtbild Die primäre Funktion der Kaianlagen war natürlich der Hochwasserschutz, sie ist es noch heute. Ihre sekundäre, wirtschaftliche Aufgabe war die Schaffung von Anlege- und Verladeplätzen, deren Wichtigkeit heute gesunken ist. Ihre - am Anfang unbedeutende — Rolle bei der Abwicklung des Verkehrs in nordsüdlicher Richtung ist aber enorm gewachsen. Sie haben auch eine weitere Bedeutung von ästhetischer Art: Ihr Beitrag zum Stadtbild, der bescheiden und von untergeordneter Bedeutung ist, kann dennoch nicht außer Betracht gelassen werden. Ihre - auf dem inneren Abschnitt doppelte, mit Ausnahme der Brückenköpfe größtenteils parallele - Linie erscheint vom Gegenufer aus gesehen als eine stark horizontale Betonung, als das Fundament der Gebäude und der Häuserblöcke. So unterstreicht sie die auf der Ofener Seite besonders vielfältige und aufgegliederte Bebauung und hält sie zugleich zusammen. Ihre Anlage hatte eine weitere, gewöhnlich nur wenig Aufmerksamkeit erweckende Auswirkung auf den Städtebau: Sie schuf eine Möglichkeit für eine solche Verbauung des Flussufers, die Pest und Ofen visuell vereinigte. Natürlich standen auch früher Häuser und Hausblöcke am Flussufer, auf Grund ihrer niedrigen Lage und geringen Höhe konnten sie aber das Wasser nicht so sehr überhöhen, dass die beiden Ufer tatsächlich „aufeinander sehen konnten“, dass die gegenüber liegenden Gebäude, Gebäudeblöcke sich gegenseitig zur Geltung bringen konnten. Die Partnerstädte blieben architektonisch auch nach dem Bau der ersten stabilen Brücke solange Nachbarstädte, bis dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die großen öffentlichen Gebäude und Wohnhäuser erbaut wurden, die als die Seitenwände eines einzigen Wasserweges erscheinen und deren schönster Blickpunkt immer vom anderen Ufer aus zu finden ist: in Pest die Mietpaläste und Hotels (von mehreren Architekten in den Jahren um 1870 gebaut), die Untere und dann die Obere Donauzeile, das Hauptzollamt (Miklós Ybl, 1871-1874) und das Parlament (Imre Steindl 1884-1902); in Ofen der Basar im Burggarten (Miklós Ybl, 1875- 1881), die Reformierte Kirche (Samu Peez, 1893-1896) und der Gebäudekomplex der Technischen Universität (Hauptgebäude von Alajos Hauszmann, 1905-1910). Sofern wir die flussnahen Gebäude gleichfalls dazu zählen, die etwas weiter hinten standen, aber vom anderen Ufer aus ebenfalls markant zur Geltung kommen, wie z. B. die Redoute (Frigyes Feszi, 1860- 1865), der Gresham-Palast (Quittner-Büro, 1904-1907) oder das Gellért-Bad und -Hotel (Artúr Sebestyén, Armin Hegedűs, Izidor Sterk, 1912-1918), und solche, teilweise oder auch früher erbaute Denkmäler, wie die barocke Kirche in der Innenstadt von Pest oder das ebenfalls türkische Details bewahrende Rudas- Bad, und wenn wir auch bedenken, dass der Ofener Burgberg (mit dem königlichen Palast, der Fischerbastei und vielen anderen Gebäuden) ebenfalls einen Teil des Panoramas der Donau ausmacht, dann erscheint der Satz berechtigt, dass die repräsentative Hauptstraße Budapests nicht der Großring, auch nicht eine der Radialstraßen ist, sondern die Donau.