Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)
András Sipos: Bürgermeister István Barczy und die sozialen Bauprojekte in Budapest am Anfang des 20. Jahrhunderts
198 Teil in drei Jahren durchgeführten Programms erhielten etwa fünfzig frei schaffende Architekten Aufträge, wobei vor allem die Miethäuser von ihnen entworfen wurden, während die Kleinwohnungssiedlungen von den technischen Beamten der Hauptstadt geplant wurden. Ungeachtet der Bewältigung des umfassenden Programms trat jedoch eine Grundidee der führenden Stadtpolitiker nicht in den Hintergrund, nämlich die Erscheinung der Gebäude dem jeweiligen Funktionstyp entsprechend zu „Propagandapalästen” zu machen. Überwiegend folgten sie einem stilistischen Trend, der den Späteklektizismus mit Formelementen des Jugendstils verband. Die Jugendstilomamentik, bzw. die „ungarischen” Dekorativelemente, die hauptsächlich bei den Schulbauten betont wurden, lassen die Erbschaft der „Bárczy-Zeit” noch heute als gut erkennbare Schicht im Stadtbild erscheinen. Man strebte keinen Bruch mit den hergebrachten, gewohnten Stiltrends an, man wollte aber das Neue, Modernste populär machen und dafür Akzeptanz erreichen. Im Sinne dessen ließ man Raum für Elemente, die aus dem funktionellen Bau bezogen wurden. Am deutlichsten zeigt dies die von Gyula Haász und Béla Málnai geplante Miethausgruppe am Hungáriaring. Der Inhalt des ganzen Bauprogramms drückte die organische Verbindung von Tradition und Neuheit in der äußerlichen Erscheinung getreu aus. Die Gebäude verkörperten auch neue Funktionen und ein neues Konzept für den Ausgleich gesellschaftlicher Konflikte, ohne dass jedoch die neuen gesellschaftlichen Kräfte und die politische Bewegungen, die sie vertraten, eine führende Rolle in der Stadtpolitik erreichen konnten. Die institutionelle Reform der Selbstverwaltung blieb aus, die Zustände, die zur Zeit der Stadtvereinigung in den 1870er Jahren festgelegt wurden, machten die entscheidungstragenden korporativen Organe zum Forum einer schmalen, großbürgerlichen Schicht. Die Planung und die wirkungsvolle Ausführung des Bauprogramms kann in Wirklichkeit als das Werk von Bürgermeister István Bárczy (1906-1918) und von dem sich um ihn formierenden, kleinen Brain-Trust betrachtet werden. In diesem Kreis liefen die Fäden der bau- und sonstigen technischen Fragen in den Händen von Ingenieur Gyula Kabdebo zusammen. Neben Bárczy hatten er und Ödön Wildner (der Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Kultur) den größten Einfluss auf die Auswahl der Architekten, die Definition der Planungskriterien und bei der Annahme der Pläne. Im Jahr 1906 halfen die Kompromisse, die aufgrund der Wellenschläge der nationalen Politik und der Konsequenzen, die die landesweite statutäre Krise auf die Hauptstadt ausübten, geschlossen wurden, Bárczy auf den Stuhl des Bürgermeisters. Die neue Generation, die so in die Schlüsselposition der Stadtverwaltung kam, wurde neben dem ungewöhnlich jungen, nur 40jährigen Bürgermeister auch durch einen neuen Beamtentyp vertreten, verglichen mit jenen, die in der Zeit der Stadtvereinigung eine Rolle gespielt hatten oder deren direkten Nachfolgern. Sie waren nicht mehr amtsführende Nobelbürger oder zu Bürgern gewordene Aristokraten (wie Baron Frigyes Podmaniczky, Vizepräsident des Rates für Öffentliche Arbeiten, 1873-1905), sondern verkörperten eine moderne, professionelle Kommunalbeamtenschicht. Ihre